Tag 1: Trier – Fisch

Das Abenteuer beginnt und es fühlt sich für mich noch so unwirklich an. In den bevorstehenden vier Monaten werde ich etwa 2400 Kilometer zu Fuß zurücklegen. Einmal quer durch Frankreich und den Norden Spaniens. Von Trier nach Santiago de Compostela und weiter nach Finisterre. Sofern ich es überhaupt bis dahin schaffe. Denn zwischen all den positiven Gedanken und der Vorfreude mischen sich noch viel andere Gefühle. Eines davon ist Selbstzweifel. Mute ich mir mit meinem ambitionierten Vorhaben zuviel zu? Seit 10 Jahren verfolge ich diesen Traum. Doch was ist, wenn er bereits nach wenigen Wochen ausgeträumt ist? Was ist, wenn ich wegen einer Krankheit abbrechen muss oder ich in Frankreich aufgrund der mangelhaften Sprachkenntnisse völlig überfordert bin? Ich bin verdammt nervös.

Einen Tag vor dem Beginn fuhr meine Frau mit mir nach Trier, um einen letzten gemeinsamen Tag zu verbringen. Nach der dreistündigen Fahrt parkten wir zur Mittagszeit auf dem Hotelparkplatz. Ich öffnete den Kofferraum. Aber wo war der Rucksack? Nach einem kurzen „Ich dachte du…“ war klar: Der Rucksack stand noch immer 300 Kilometer entfernt in unserer Wohnung. In ein paar Jahren ist es vielleicht eine witzige Anektode, die man in einer geselligen Runde zum Besten gibt. In diesem Moment war es der blanke Horror. Nach dem ersten Schock, fuhren wir zurück, um den Rucksack zu holen. 20:00 Uhr checkten wir endlich im Hotel ein. Einen kleinen Stadtrundgang zum Trierer Dom und zur Liebfrauen-Basilika ließen wir uns dennoch nicht nehmen.

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Auf geht´s voller Tatendrang!

Zum Frühstück wird sich nochmal ordentlich gestärkt und wir gehen den bereits bekannten Weg zum Trierer Dom. In der Dom-Information lasse ich mir meinen ersten Pilgerstempel in meinen Pilgerausweis drücken. Am Palastgarten neben der Basilika wird tränenreich Abschied genommen. Mit einem kleinen Vorrat an Süßigkeiten als Abschiedsgeschenk suche ich nach der Wegmarkierung. Die ersten 20 Minuten als Jakobspilger sind eine einzige Katastrophe. Überfordert suche ich nach Jakobsmuscheln als Wegweiser und irre orientierungslos durch die Stadt. Wie um Himmels willen soll ich es bis nach Spanien schaffen, wenn ich noch nicht einmal den Weg aus der Stadt finde? Für den Fall völliger Orientierungslosigkeit habe ich mir im Vorfeld die Navigations-App „Locus Map Pro“ mit Kartenmaterial und Wegstrecke auf das Handy geladen. Ich hätte aber nicht vermutet, dass ich bereits darauf angewiesen bin, um aus der Stadt zu kommen. Die eigentliche Idee bezüglich Technik auf dem Jakobsweg war ohnehin eine ganz andere. Ursprünglich sollte ein einfaches Handy für den Notfall ausreichen. Mit Landkarten und Kompass wollte ich vollständig analog navigieren. Letztendlich wies die Navigations-App mit ihren GPS-Tracks einfach zu viele Vorteile auf.

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Die Mosel

Die ersten sieben Kilometer nach Konz verlaufen schnurgerade entlang der Mosel. Der Fluss wird mich noch die kommenden Tage begleiten. „Du bist auf dem Jakobsweg, du bist echt auf dem Jakobsweg“, spreche ich leise zu mir selbst. So ganz kann ich es immer noch nicht glauben. In den vergangenen Jahren gab es viele Rückschläge, die mich daran zweifeln ließen, den Jakobsweg überhaupt einmal gehen zu können.

Mein knurrender Magen ist Anlass für die erste Pause in Konz. 9 Kilometer sind bis jetzt geschafft. Dönerläden und Pizzeria möchte ich eher meiden, preisgünstig pilgern und eine gesunde Ernährung verfolgen. Nach einer ausgiebigen Suche gehe ich eine Fleischerei und entscheide mich für das Tagesmenu. Heute im Angebot: Tortellini zum Preis von 4,90€. Preisbewusst geht anders.

Tawern ist die nächste Ortschaft nach Konz. In einer kleinen Kapelle schnaufe ich kurz durch. Mein Reiseführer beschreibt eine alternative Strecke für Fahrradfahrer, bei der nebenbei ein paar Höhenmeter eingespart werden können. Das klingt zu verlockend. Doch im nächsten Ort ist nirgends eine Beschilderung zu finden. Im Reiseführer ist ein Weg markiert, der nicht vorhanden ist. Ich muss querfeldein über ein matschiges Feld laufen, um auf die parallel verlaufende Landstraße zu kommen. Auf der Straße kommt mir ein Traktor entgegen und ich befürchte schon, Ärger vom Landwirt zu bekommen. Wer sieht schon gerne Leute über sein Feld trampeln. Nach zwei Kilometer trister Landstraße erreiche ich die Rehlinger Kirche. Nach 23 Kilometern ist sie der Etappenabschluss. Meine Übernachtung sicherte ich mir schon im Vorfeld bei einer Bekanntschaft aus einem Pilgerforum im Internet. Ich melde mich telefonisch und ich werde mit dem Auto abgeholt.

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Rehlinger Kirche

Der erste Tag hat mir schon so einiges abverlangt. Die heiße Dusche ist eine Wohltat. Trotz der interessanten Unterhaltungen am Abend verabschiede ich mich 22:00 Uhr auf mein Zimmer. Die Luxemburgische Grenze ist ganz in der Nähe. Ständig wechselt das Handy zwischen dem deutschen und luxemburgischen Mobilfunknetz. Durch das aktivierte Datenroaming muss ich deshalb 1,99€ zahlen. Vielleicht ist es klüger, eine EU-Roaming-Flat zu buchen? Mit ihr könnte ich aus dem Ausland kostenlos nach Deutschland telefonieren und ich bekomme entsprechendes Datenvolumen im Ausland. Der Nachteil ist darin, dass es nur als 24-Monats-Abo gebucht werden kann.

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