Nach dem Frühstück werde ich aus Fisch wieder zur Rehlinger Kirche gefahren. Die gestrige Strapazen hat der Körper anscheinend gut verkraftet und mit neuer Energie schaue ich den kommenden 25 Kilometern nach Perl entgegen. Möglicherweise beende ich den Wandertag auch ein paar Kilometer eher und suche mir in Borg eine Bleibe. Mit dieser Maßnahme könnte ich einer körperlichen Überbelastung entgegenwirken, die schon so manch anderen Pilger vorzeitig in die Knie zwang. Längere Spaziergänge gehörten in meinem Alltag noch nie zu meinen Lieblingsbeschäftigungen und auch Probewanderungen habe ich keine absolviert. Ich befinde ich mich ohne Zweifel in einer guten körperlichen und gesundheitlich Verfassung. Aber ich kann nur vermuten, wie der Körper die nicht alltäglichen Strapazen der nächsten Tage verkraftet und wie schnell er sich an die Belastung gewöhnen wird

Körrig und Merzkirchen sind die ersten Orte, die am Vormittag durchlaufen werden. Es ist ein ländliches Gebiet ohne großen Trubel. Zeitweise beschleicht mich dadurch das Gefühl, die einzige Person in den Dörfern zu sein. Hinter Merzkirchen folge ich einem langen und geraden Pfad zwischen zwei Feldern hindurch. Der Blick nach vorne zeigt kein Ende des Weges und in der Ferne scheint er den Horizont zu berühren. Nach dieser wortwörtlichen Durststrecke gestatte ich mir in Borg meine erste Rast. An einem Campingtisch kühle ich meine heiß gelaufenen Füße frei von den Schuhen und stärke mich mit zwei Bananen.

In Borg finde ich keine Übernachtungsmöglichkeiten. Notgedrungen laufe ich die nächsten 5 Kilometer bis nach Perl. Seit geraumer Zeit schmerzen nicht nur die Füße, sondern auch die Oberschenkel, die sich in der Hose zunehmend wund laufen. Jeder Schritt brennt. Der letzte Kilometer verläuft durch die Weinberge der Mosel. Zu dieser Jahreszeitlich sind die Weinfelder kahl.

Erschöpft passiere ich das Ortseingangsschild von Perl. Heute findet die Feuertaufe für mein Zelt statt. Im Vorfeld las ich vermehrt den Ratschlag, nach Schlafplätzen in der Nähe von Kirchen und Friedhöfen zu suchen. An diesen Orten gäbe es in der Regel fließendes Wasser. Diesen Gedanken behalte ich im Hinterkopf, als ich am Friedhof vorbeikomme. Direkt am ersten Haus nach dem Ortseingang erkundige ich mich bei der Anwohnerin nach einem Platz zum Zelten. Ihr Ehemann kommt aus dem hinteren Teil des Gartens gelaufen und bietet mir eine Aufstellmöglichkeit im Garten vor dem Haus an. Während ich mir eine geeignete Stelle suche und den Boden von Zweigen und Tannenzapfen befreie, wird mir eine Tasse Tee gebracht. Nach dem Zeltaufbau erhasche ich im Garten die letzten Sonnenstrahlen des Tages und komme mit den beiden Söhnen ins Gespräch. Mir wird der Grill zur Benutzung angeboten, begnüge mich aber mit Wurstbrötchen und Bananen aus dem nahe gelegenen Aldi. Als die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, sinkt die Temperatur schlagartig. Im Zelt spendet der Schlafsack die nötige Wärme. Ich bin auf meine erste Nacht unter freiem Himmel gespannt.
