Unmittelbar nach dem Aufwachen lese ich die E-Mail der Jugendherberge in Metz. Die Stadt erreiche ich in zwei Tagen. In der Herberge ist kein freies Bett mehr vorhanden. Nach dem Frühstück versuche ich mein Glück bei einer anderen Jugendherberge und hoffe, mit meinen französischen Grundkenntnissen das Telefonat erfolgreich meistern zu können. Allerdings liegt das Schulwissen von Klasse 7 bis 10 bereits 12 Jahre zurück. Die Dame registriert meine immer größer werdende Hilflosigkeit, hat ein Einsehen und wechselt zur englischen Sprache. Die Herberge kann einen Schlafplatzplatz für eine Nacht anbieten konnte. Soweit die gute Nachricht. In Metz möchte ich einen Ruhetag einlegen. Um die zweite Nacht werde ich mich später kümmern.
Schon der Blick auf den Abschnitt bis nach Melchy lässt mich erahnen, dass die 27 Kilometer kein gemütlicher Spaziergang werden. Ein geographisches Auf und Ab. Ich verabschiede mich bei Madame Bolding-Keller und verspreche auch ihr, eine Postkarte aus Santiago zu schicken. Im Wald kommen mir plötzlich sechs Hunde laut bellend entgegen. Starr vor Schreck bleibe ich stehen. So ein Hundeangriff würde mir den Tag irgendwie ziemlich vermiesen. Doch auf ein Wort der Besitzerin machen die Vierbeiner kehrt. „Nochmal gut gegangen“, denke ich mir dabei. Die junge Frau erzählt mir, dass vor zwei Tagen die Osterferien begannen. Das erklärt, weshalb die meisten Jugendherbergen in Metz ausgebucht sind.
Der zu Beginn gut begehbare Waldboden muss den Regenfällen der letzten Tage Tribut zollen und entwickelt sich zunehmend zu einem schlammigen Abhang. Die Füße sind immer einen Schritt vom Abrutschen entfernt. Links und Rechts gibt es keine Möglichkeiten zum Halt suchen. Mehrmals stehe ich kurz davor, auf den Hosenboden zu fallen und mir gelingt es, mit rudernden Armen mein Gleichgewicht halten. Ich frage mich, an welcher Kreuzung ich wohl falsch abgebogen bin, um schließlich zu erkennen, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
Im Tal zeigt sich am Schuhwerk das ganze Ausmaß des schweren Geländes. Von der Sohle bis zum Schaft ist es mit Schlamm bedeckt. In einem Garten arbeitet ein älterer Herr in seinem Gewächshaus. Mit einem kraftvollen „Bonjour Monsieur!“ versuche ich auf mich aufmerksam zu machen. Er hört mein Rufen nicht. Auch der zweite Versuch scheitert. Mit meiner Trillerpfeife verschaffe ich mir Gehör. Der Monsieur blickt auf, kommt einige Meter auf mich zu und winkt mich in den Garten hinein. Im Wörterbuch blätternd setze ich Wort für Wort zu meiner Frage zusammen: „Pouvez-vous m’aider avec Eau et une Brosse, s’il vous plait?“. Der Mann blickt auf meine Schuhe, drückt mir einen alten Lappen und eine Kehrbürste in die Hand und zeigt auf einen schmalen Rinnsal vor dem Garten.

In Kedange-sur-Canner sehe ich auf der Straße so gut wie keine Menschen. Die schmutzigen Schuhe wären hier niemandem aufgefallen. Das Wasser in der Trinkflasche neigt sich gegen Mittag dem Ende entgegen. Nach drei Versuchen wird mir am vierten Haus die Tür geöffnet und meine Flasche neu befüllt.
Es sind noch 4 Kilometer bis nach Melchy. Ein freundlichen „Bonjour“ über den Gartenzaun zu einer älteren Dame nimmt sie zum Anlass, mich in einen längeren Monolog zu verwickeln. Mein wiederholendes „Je ne parle pas français“ reicht ihr wohl als Bestätigung, dass ich sehr wohl französisch spreche. Von Zeit zu Zeit nehme ich mit einem höflichen „Qui“ an dem Gespräch teil, in der Hoffnung, dass es bald vorbei sein möge.

An der gesuchten Hausnummer öffnet mir in Melchy niemand die Tür. Es gibt keine Klingel und kein Hinweis auf eine Gite. Eine Mann und eine Frau laufen mir in diesem Moment der Hilfosigkeit entgegen. Wie es der Zufall möchte, sind beide Freunde der Dame, die die Pension führt und begleiten mich 20 Meter weiter der Straße entlang, ehe wir in einen Pferdehof einbiegen. Neben einem Gemeinschaftsraum, einer Küche und einer Toilette mit Dusche, befindet sich in der Gite in der oberen Etage der Schlafbereich. Dieser besteht aus einem großen und mit Trennwänden in mehrere Kabinen unterteilten Raum. Einzig der Vorhang vor dem Bett sorgt für etwas Privatsphäre.

Die Dame wohnt selber nicht auf dem Pferdehof. Sie überreicht mir einen Korb mit einem warmen Abendessen (Nudeln mit Hähnchenkeulen), eine Flasche Bier und etwas für das Frühstück. Einkaufsmöglichkeiten hat der kleine Ort nicht zu bieten. Was täte ich für eine Tafel Schokolade. Verpflegung für Morgen fehlt mir auch.

Die abendliche Körperpflege zeigt den ganzen Umfang meiner Blessuren. Über die Schmerzen in den Knien und in an den Achillessehnen konnte ich bisher gut hinwegsehen. Um meine wund gescheuerten Oberschenkel sorge ich mich weitaus mehr. Der unsäglich brennende Schmerz lässt mich schwindelig werden, als das Wasser in der Dusche über die Beine läuft. Ich muss schleunigst eine Lösung finden, denn auf Dauer wird es mich die Verletzung vor ernsthafte Probleme stellen.