Das Hotelbett ist ungemein gemütlich. Die Nacht war eine Wohltat. Dank des Ruhetages fühle ich mich erholter und blicke voller Spannung auf die kommenden Tage. In dieser Region treffe ich von Zeit zu Zeit noch auf Franzosen, die etwas deutsch sprechen. Es ist hauptsächlich die ältere Generation. Je weiter ich ins Landesinnere stoße, desto weniger wird es.
Ehe ich die Stadt hinter mir lasse, brauche ich neuen Proviant. Es dauert länger als gehofft, bis ich bei der Suche nach einem Supermarkt in der Ferne ein Lidl-Schild sehe. Es ist dieses bekannte blau-gelbe Logo, das in mir ein Stück vertrautes Heimatgefühl erweckt. Versehentlich kaufe ich Zitronenlimonade anstelle einer Flasche Wasser. Die Flaschen sehen sich zum verwechseln ähnlich. Meine Gedanken scheinen heute noch nicht ganz sortiert. Stadtauswärts liegt das Stadion des traditionsreichen FC Metz auf der Strecke. Momentan spielen sie in der Ligue 2.

Das heutige Etappenziel heißt Vandieres. Der Weg aus der Stadt dauert um ein vielfaches länger als geplant. Ein ums andere Mal biege ich in die falsche Seitenstraße ein oder übersehe Muschelzeichen. Ich empfinde es als frustrierend, nervig und vor Allem zeitraubend. Es ist fast Mittag und es sind erst ein paar Kilometer absolviert. Das Wetter ist besser als meine Laune und die Strecke sehenswert. Fortwährend entlang der Mosel. Die Namen der angrenzenden Orte passen sich an: Ars-sur-Moselle, Ancy-sur-Moselle, Noveant-sur-Moselle, Pagny-sur-Moselle. Während ich durch die überwiegend grüne Landschaft laufe, kreisen meine Gedanken um die heutige Übernachtung. Hauptsache ich schlafe nicht abermals in einer teuren Unterkunft. Der Geldbeutel wurde dafür in den letzten Tagen ziemlich beansprucht. Im Internet finde ich die Adresse einer Familie, die Pilgern ein Zimmer in ihrem Haus zur Verfügung stellt. Telefonisch ist niemand erreichbar, sodass ich auf das beste vor Ort hoffen muss. Ich überlege mir eine vernünftige Formulierung für mein Anliegen und wiederhole beim Laufen gebetsmühlenartig die immer gleichen Sätze, damit ich sie mir einpräge: „Bonsoir, Monsieur. Je m’apelle David. Je suis Allemands et je suis un Pelgerin. Je entends le Coquille sur la porte. Je cherche un chambre ou un Jardin pour mon tent“. Pilger, Bett, Garten, Zelt. Die grundlegenden Infos werden sicher verstanden.

Am späten Nachmittag stehe ich vor dem besagten Haus. An der Tür ist keine Klingel oder ein Pilgerhinweis.. Ich setze mich an den Straßenrand und warte einfach mal. Nach einer halben Stunde hält ein Auto, der Mann lässt die Fensterscheibe herunter und fragt mich, ob ich Pilger sei. Ich bejahe. Heute habe er Nachtschicht. Eine Übernachtung sei damit nicht möglich. Ende des Gespräches. Und nun? Körper und Geist fühlen sich frisch. Weiterlaufen traue ich mir ohne Probleme zu. Welche andere Wahl gibt es denn? Knapp 1300 Einwohner hat der nächste Ort mit dem Namen Norroy-les-Pont-a-Mousson. Somit stehe ich eine Stunde später stehe ich in einem anderen Ort vor dem gleichen Problem. Denn auch in Norroy-les-Pont-a-Mousson ist kein Schlafplatz auffindbar. Hinter dem Ort führt ein Weg in den Wald. An dessen Rand ließe sich bestimmt ein geeignete Platz für das Zelt finden. Am Ortsausgang halte ich für ein paar Minuten inne.

Am letzten Haus werden ein Mann und eine Frau auf mich aufmerksam. Sie fragen mich, ob ich Hilfe bräuchte. Ja, ich brauche einen Schlafplatz. Oder zumindest ein Platz für mein Zelt. Am Besten mit Zugang zu einer Toilette. Beide sprechen miteinander. Ich verstehe kein Wort. Der Mann, der sich als Jean-Luc vorstellt, bietet mir seinen Garten zum Zelten an. Dusche und Toilette stehen mir im Haus zur Verfügung. Im Garten kommt Jean-Luc auf mich zu uns zeigt mir seinen Geräteschuppen. Auf der Gartenliege kann ich unter einem festen Dach schlafen. Ich breite meine Sachen im Geräteschuppen aus, als Jean-Luc mich kurze Zeit später in den Garten winkt und mir seinen Kleintransporter zeigt. Jean-Luc ist ein begeisterter Motocross-Fahrer. Für diese Leidenschaft fährt er mit seinem Kleintransporter und dem darin verstauten Motorrad ab und an in die Umgebung, um dort ein paar Tage zu verbringen. Für diesen Zweck baute er ein ausklappbares Bett in den Kleintransporter, welches an der Wand hängt. Er bietet es mit als Nachtquartier. Ich bin hellauf begeistert. Nach dem Duschen sitzen wir mit einem Bier auf der Terrasse. Es herrscht eine ungemein entspannende Atmosphäre. Jean-Luc spricht ein bisschen Englisch und ich spreche ein bisschen Französisch. Mit den dazugehörigen Händen und Füßen kommt ein Gespräch zustande. Für den Einkauf nutzen wir das Auto. Die Fahrt nach Montauville dauert 10 Minuten. Die Fahrt ist ein kurzer Ausblick auf Morgen, wenn ich für die gleiche Strecke zu Fuß eine Stunde benötige. Im Supermarkt hole ich mir Kartoffelsalat und Kekse. Ein Pilgerabendbrot ist selten ein Festmahl. Die Kassiererin zieht die Lebensmittel über den Scanner und bevor ich reagieren kann, übernimmt Jean-Luc die Bezahlung. Zum Abendbrot gesellt sich seine Tochter an den Esstisch und wir essen Spagetti mit Lachs. Extra für mich wird 21:05 Uhr der Fernseher eingeschaltet und das Europapokal-Spiel zwischen Dortmund und Liverpool geschaut. Der Tag zehrte jedoch sehr an den Kräften und die Müdigkeit treibt mich schon nach 20 Minuten ins Bett.

Es ist unglaublich, welchen überraschenden Wendungen die letzten vier Stunden genommen haben und wie der Tag ein überaus positives Ende genommen hat. Die Erkenntnis des heutigen Tages lautet, dass die schönsten Erlebnisse weder vorhersehbar noch planbar sind. Und irgendwie fügt sich alles am Ende des Tages.