Tag 8: Norroy-les-Pont-a-Mousson – Toul

Die Nacht im Auto wurde durch die Bettvorrichtung richtig gemütlich. Der Schlafsack hielt angenehm warm. Bei einer Temperatur von knapp 4 Grad im inneren des Transporters war das auch notwendig. Erst als die ersten Vögel ihren Morgengesang anstimmen, fällt mir das um einen Spalt geöffnete Lüftungsfenster am Dach auf. Im Haus komme ich mit Jean-Luc für das gemeinsame Frühstück zusammen. Am Tisch fallen die kulturellen Unterschiede zwischen den Nationen auf. Die Franzosen trinken ihren Kaffee, Kakao und Tee nicht aus einer Tasse, sondern aus einer großen Schüssel. Mit den Fingerspitzen wird sie angehoben, um sich an der Schüssel nicht am heißen Kaffee die Fingen zu verbrennen. Ich bedanke mich für die außergewöhnliche Gastfreundschaft und verspreche Jean-Luc eine Postkarte aus Santiago zu senden.

Nach dem gelungenen Start in den Tag begebe ich mich auf den Weg nach Liverdun. Die dortige Touristeninformation wird mir bestimmt bei der Unterkunftssuche behilflich sein.

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Wetter schön, Landschaft schön, pilgern schön

Auf Höhe einer kleinen Kapelle mache ich eine kurze Rast und betrete das Innere. Ich wage es, mich als gläubigen Menschen zu bezeichnen. Aber ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal eine Sonntagsmesse besucht habe. Nichtsdestotrotz bin ich von einer höheren Macht überzeugt, die uns lenkt und leitet und über uns wacht. Ich knie an der Kirchenbank nieder, schließe die Augen und falte die Hände zu einem Gebet.

„Lieber Gott, ich weiß, dass ich nicht oft bete. Aber ich bitte dich um deine Unterstützung  für meinen Weg und für die kommenden Monate. Ich weiß, dass es keine einfache Zeit für mich werden wird. Ich werde alles dafür geben, dass ich in Santiago ankomme, aber ich werde es nicht alleine schaffen. Lass mich gesund bleiben. Bitte sei an meiner Seite, wenn es schwierig wird. Nur mit deiner Hilfe kann ich es schaffen.“

Dieser persönliche und emotionale Moment lässt mir die Tränen in die Augen schießen. Mir wird wieder diese immense Herausforderung für die nächsten Monate bewusst. Neben dem Altar liegt ein Stempel und ich drücke ihn in meinen Pilgerpass. Kurz darauf überholt mich eine Pilgerin mit schnellen Schritten. Lilli, so lautet ihr Name, kommt aus Norddeutschland. Nach acht Tagen ist sie meine erste Pilgerbegegnung. Ich bekomme sie nur kur zu Gesicht. Ihr Tempo ist weitaus schneller als meins. Ich weiß nicht, ob Lilli tatsächlich so geschwind läuft oder ich nur eine besonders gemächliche Geschwindigkeit an den Tag lege. Sie befindet sich schnell wieder außerhalb meiner Sichtweite.

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Fast geschafft

Um die Probleme mit den Wunden Stellen an den Beinen sorge mich schon seit ein paar Tagen. Hauptsächlich sind die beiden Oberschenkelinnenseiten betroffen. Männer befinden sich gegenüber Frauen wohl in einem anatomischen Nachteil. Das Problem entsteht durch die Reibung zwischen den Oberschenkelinnenseiten und dem männlichen Gehänge. Haut an Haut in Kombination mit Schweiß ergibt eine unangenehme Reibung, die die Haut im Laufe hunderter Kilometer wund scheuert. Zwischen den Pobacken liegt die zweite Problemzone. Auch hier entstehen die offenen Stellen durch die Reibung der Pobacken während des Laufens. Die offenen Wunden brennen von Tag zu Tag mehr. Zur Pflege der Blessuren ist eine Dusche und ein sauberes Bett für heute Abend unabdingbar. Keinesfalls soll durch mangelhafte Hygiene eine Verunreinigung der nässenden Stellen entstehen, die die Wundheilung noch mehr behindert. Der nächstmögliche Ort ist Toul. Nach den fünfzehn bisher zurückgelegten Kilometern liegen noch zwanzig weitere Kilometer vor mir. Es ist 14:30 Uhr und es wird noch ein langer Tag werden. Mit meinen schnellen Schritten hole ich sogar Lilli wieder ein. In den folgenden Stunden entwickeln sich die Schmerzen zu einer unfassbaren Qual. Die Wunden beginnen zu nässen und reißen weiter auf. Der eindringende Scheiß erledigt das Übrige. An einen vernünftigen Gang ist nicht mehr zu denken. Als hätte ich mir in die Hosen gemacht, laufe ich breitbeinig hinkend durch die Landschaft. Die letzten Kilometer durch das Industriegebiet von Toul entwickeln sich zu einer gefühlten Ewigkeit. Auf dem asphaltierten Weg in die Innenstadt reiht sich ein Industriegebäude an das Nächste. Endlich. Humpelnd und mit schmerzverzerrten Gesicht lasse ich mich in einem Dönerladen und esse zum ersten Mal seit dem Frühstück. Völlig entkräftet schleppe ich mich 19:30 Uhr die Treppenstufen zum Hotel hoch.

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Nach 38 Kilometern vollends erschöpft

Für 45€ bietet das Zimmer die Größe einer Abstellkammer. Das ganze Ambiente macht einen ziemlich heruntergekommene Eindruck. Die letzte Renovierung fand vermutlich in den 80er-Jahren statt. Ich kann meine Füße kaum noch bewegen. Po und Oberschenkel sind komplett lädiert und ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich in diesem jämmerlichen Zustand weiterlaufen soll. Zu allem Übel musste ich schon wieder ein Hotelzimmer nehmen. Die Situation dünnt mein Budget spürbar aus. Ich fühle mich am Ende. Körperlich und mental. Ich liege auf dem Bett und starre an die Decke. Was nun? Ich tippe die Nummer meiner Frau ins Telefon. Als ich zu erzählen beginnen will, bekomme ich nur noch ein schluchzen aus mir heraus. Die Zusammenballung der Ereignisse und Umstände bringen mich zum heulen. So viele Probleme und es mangelt an Lösungen. Und noch viel schlimmer: Es mangelt an Hoffnung. Wie sich die Befindlichkeiten doch schlagartig ändern können. Gestern noch Himmelhoch jauchzend, heute zu Tode betrübt. Das Hotel verlasse ich an diesen Abend natürlich nicht mehr. Unter großen Schmerzen nehme ich eine Dusche, pflege den geschundenen Körper und schlafe in diesem muffig riechenden Hotelzimmer ein.

Es ist nicht schwer, positiv zu denken, wenn alles gut läuft. Durch positive Ereignisse entstehen positive Gedanken. Die Herausforderung besteht darin, positiv zu denken, wenn dich etwas in die Knie zwingt. Die Herausforderung besteht darin, die richtige Reaktion zu finden, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Resignieren darf keine Option sein.

8 Kommentare zu „Tag 8: Norroy-les-Pont-a-Mousson – Toul

  1. Das wünsche ich dir wahrlich nicht. Während die eine Person Unmengen an Problemen solcher Art bekommt, ist eine andere Person unempfindlicher dafür.

    Danke für deinen Kommentar!

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  2. Oje, das klingt nicht gut. Ich bin gespannt, wie du das in den Griff bekommen hast?
    39km sind aber auch eine ganze Menge muss ich sagen. Bin mal gespannt, wie unsere Etappen so werden. Ich habe an durchschnittlich 25km gedacht.
    Frohe Weihnachten und liebe Grüße Rosi

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    1. Danke für deinen Kommentar.

      Deine Herangehensweise ist auf jeden Fall vernünftig. Mit Sicherheit gibt es Leute für die 35 Kilometer und mehr kein Problem darstellt. Und wenn man sich an das Laufen gewöhnt hat, kann man das auch mal machen. Aber besonders zu Beginn des Weges (bei mir war es erst der achte Tag und ich war nicht wandererprobt) ist es absolut nicht zu empfehlen. Damit kann man sich den gesamten Weg ruinieren. Und freiwillig hab ich das ja auch nicht gemacht.

      Ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!

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  3. Hallo David. Schön auf deinen Blog gestoßen zu sein. Wir haben uns im Süden von Frankreich, genauer gesagt in Aire sur L’Adour getroffen. Ich war dort noch die einzige Deutsche in der Gite. Danach sahen wir uns regelmäßig, auch noch in Spanien wo ich dann in Estella geendet bin. Ich laufe in 2017 weiter und möchte auch ankommen.
    Bin gespannt was Du alles so erlebt hat, bin ich doch in Etappen den gleichen Weg gelaufen.
    Übrigens war die Entscheidung nicht in Liverdun zu übernachten wohl richtig. Wir hatten nur eine Luftmatratze auf dem Campingplatz gefunden, der war um die Zeit im Jahr bei dir sicherlich noch zu.
    Freue mich auf die neuen Geschichten!
    GRuß Barbara

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    1. Hallo Barbara!

      Ich freue mich sehr, dass du auf meinem Blog gestoßen bist.

      Ich habe so viele Leute auf dem Weg getroffen, dass die ein oder andere Person etwas in Vergessenheit geraten ist. Von daher kann ich mich nur noch sehr vage und mit Hilfe deines Fotos an dich erinnern. Bitte entschuldige.

      Viel Erfolg beim Beenden deines Jakobsweges im nächsten Jahr und viel Spaß beim Lesen meines Blogs 🙂

      Grüße, David

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  4. Hallo David-schön, von deinen Erlebnissen zu lesen! Ich bin 2012/13 von Trier nach Le Puy durch Lothringen gelaufen und erkenne natürlich viele Orte und Situationen wieder. Bei mir kam die Sommerhitze dazu. Auch ich hatte in Lothringen meine längsten Etappen und die meisten Unterkunftsschwierigkeiten, die sich aber alle irgendwie gelöst haben. Eine etwas schwierige Phase des Pilgerwegs, aber schön und eindrücklich, auch dort habe ich Frankreich lieben gelernt. Mit Barbara war ich 2014 einige Tage zusammen auf dem Weg. Freue mich auf weitere Berichte! Harald/SanchoPansa(www.pilgerforum.de)

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    1. Schön, dass jemand aus dem Pilgerforum vorbeischaut. Konnte ich mir dort vor meinem Jakobsweg einige Infos, Tipps und Anregungen holen.

      Viele Grüße,
      David

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