Tag 10: Vaucouleurs – Domremy-la-Pucelle

Als einziger Gast im Hotel wird für mich der Frühstückstisch mit drei verschiedenen Sorten Marmelade, etwas Wurst, Ei und Obst hergerichtet. Insgeheim hoffe ich auf das Angebot des Hoteliers, mich wieder bis nach Chalaines zu fahren. Im Internet berichtete eine Pilgerin davon, das ihr dieses Angebot unterbreitet wurde. Mir bleibt das Angebot vergönnt, aber die 1,5 Kilometer sind sowieso kaum der Rede wert.

In Chalaines soll am Dorfbrunnen zwischen zwei Routen gewählt werden können. Der Jakobsweg teilt sich in zwei Wege, die erst wieder in St.-Jean-Pied-de-Port aufeinandertreffen. Entweder wählt man den Weg über Vezelay (via Lemovicensis) oder es wird die Route über Le-Puy-en-Velay eingeschlagen. Ich übersehe sowohl den Brunnen, als auch die Wegtrennung und laufe unbeirrt meine vorher festgelegte Route. Während meiner Vorbereitung legte ich mich schnell für den Weg über Le-Puy fest. Er soll die landschaftlich ansehnlichere Wegführung haben. Ich bin gut gelaunt, fühle mich energiegeladen und komme in den Genuss eines absolut beschwerdefreien Pilgerns. Ich freue mich ungemein auf Domremy-la-Pucelle . Die dortige Unterkunft wird von einem Deutschen betrieben. Ich sehne mich mehr und mehr nach einer Unterhaltung. Seit 1 1/2 Wochen bin ich nun nicht mehr in den Genuss eines richtigen Gespräches mehr gekommen.

Im Laufe des Tages beginnt mein Nacken zu spannen und er fühlt sich empfindlich an. Zwei Tage starker Sonnenschein und wenig schattige Wegpassagen gehen nicht spurlos an meiner blassen Hautfarbe vorüber. Ein Sonnenschutz für den Kopf fehlt in meiner Ausrüstung ebenso wie eine Sonnencreme. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Mitte April in Nordfrankreich eines dieser beiden Utensilien benötigen werden würde. Ein Handtuch um den Hals muss provisorisch gegen die Sonne schützen.

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Vom Weg abkommen ausgeschlossen

Am Nachmittag laufe ich durch ein lichtes Waldstück und sehe ich längere Zeit weder Markierungen noch sonstige Hinweise, die mir den Weg weisen. In meinem gelben Outdoorführer von Conrad Stein ist ein Weg gezeichnet, der offensichtlich nicht (mehr) existiert. Ich lese in der passenden Textpassage nach: „… und unterquert eine Stromleitung. Bald verlässt der Weg den Wald und führt als Schotterweg parallel zur Stromleitung bergab zu einen Teerweg“. Ja, eine Stromleitung unter die ich hindurchgehe gibt es. Aber von einem Abzweig ist weit und breit nichts zu sehen. Nach einem weiteren Kilometer kommt mir ein ein Mann mit seiner Frau entgegen. Schnell wird meine Befürchtung zur Gewissheit. Ich bin vom Weg abgekommen. Die beiden wollen ebenfalls nach Goussaincourt und ich laufe 1,5 Kilometer mit Ihnen zurück. Schließlich kommen wir an den im Buch beschriebenen Abzweig. Es stellt sich als sehr schmaler Durchgang heraus, der nicht auf den ersten oder zweiten Blick als solcher zu erkennen ist. Die Muschelzeichen sind meterweit in den Pfad hinein angebracht und von Sträuchern teilweise bedeckt. Die beiden bieten mir für die Strecke von Goussaincourt nach Greux eine Mitfahrt in ihrem Auto an. Sozusagen als Entschädigung für die unnötig gelaufene Strecke. Dieses Angebot nehme ich an. Auch sie sagen mir, dass mein Nacken ziemlich gerötet ist. Darauf solle ich Acht geben. Danke, weiß ich schon. Bis nach Domremy-la-Pucelle benötige ich noch 20 Minuten.

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Unterkunft in Domremy-la-Pucelle

Domremy-la-Pucelle ist ein kleines, etwas verschlafenes Dorf mit 140 Einwohnern und der Geburtsort von Jeanne d’Arc. Ihr zu Ehren gab sich der Ort den Zusatz „La Pucelle“, was übersetzt „die Jungfrau“ heißt. In einem Museum wird die Lebensgeschichte von Jeanne d’Arc wiedergegeben. Die moderne Architektur des Museums wirkt in diesem kleinen Ort mit seinen alten Häusern ein bisschen wie ein Fremdkörper. Am Empfang des Museums wird mein Pilgerpass gestempelt.

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Moderne Einrichtung. Für das 19. Jahrhundert.

Le Clos Domremy. So heißt meine Unterkunft mit diesem ganz besonderen Charme. Das Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert versetzt mich mit seinem Innenleben in eine vergangene Epoche. Im gesamten Haus ist die Geschichte frühere Jahrhunderte förmlich greifbar. Aufgestellte Büsten in der Eingangshalle und auf den Gängen, historische Gemälde an den Wänden und eine antike Inneneinrichtung. Mich begleitet die Angst, mit meinem Rucksack auf dem Rücken etwas kostbares zu Boden zu schmeißen. Den Hausherren habe ich bis jetzt noch nicht gesehen. Stattdessen führt mich eine ältere Französin auf mein Gästezimmer. Es trägt den Namen des französischen Schriftstellers Victor Hugo und ist thematisch eingerichtet. Ein Portrait des Schriftstellers hängt an der Wand und ein Buch mit gesammelten Werken liegt im Nachtschrank. Im Augenblick gibt es keinen größeren Wunsch, als mich auf das Doppelbett zu legen und zur Ruhe kommen. Der Hausherr befindet sich bis Dienstag im Urlaub und ist nicht auf dem Anwesen anzutreffen. Das darf doch nicht wahr sein. Meine getrübte Stimmung verschlechtert sich weiter, als ich im Gästebuch die vielen positiven Einträge der vorherigen Gäste lese. Sie alle bedanken sich für die interessanten Gespräche und für das gesellige Beisammensein.

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Zeitreise

In einem Schrank auf dem Zimmer finde ich die Visitenkarte des Restaurants „Au Pays De Jeanne“. Es ist Zeit für das Abendbrot. Entlang der Hauptstraße, vorbei am Rathaus und der Post und schon stehe ich vor dem Restaurant. Das große Schild mit der Aufschrift „Ferme“ lässt nichts gutes erahnen. Nirgends ein Hinweis auf die Öffnungszeiten. Seit Trier habe ich mich nicht mehr richtig satt gegessen und es sieht ganz danach aus, als müsste ich mich auch heute mit etwas Obst und Studentenfutter begnügen. Am Abend kümmere ich mich um meinem Sonnenbrand und begutachte das Ausmaß. Die Arme, der Nacken und die Stirn sind betroffen. Eine kühlende Salbe fehlt in meiner Reiseapotheke. Außer Voltaren und Bepanthen habe ich nichts nützliches im Gepäck. Mit einem feuchten Handtuch werden die betroffenen Stellen umwickelt und ich hoffe, dass es trotz der ungünstigen Umstände eine gute Nacht wird.

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