06:20 Uhr reißt mich der Wecker aus dem Schlaf. Die Snooze-Taste betätige ich lieber nicht. 07:00 Uhr holt mich das Taxi ab. 10 Minuten vor der Abfahrt stehe ich mit einem etwas mulmigen Gefühl vor dem Hotel. In wenigen Minuten wird sich herausstellen, ob die Änderung der Adresse erfolgreich war. Nervös gehe ich auf dem Bordstein auf und ab. Als 07:05 Uhr noch kein Taxi eingetroffen ist, wähle ich die Nummer des anderen Hotels und erkundige mich, ob ein Taxi vor deren Tür steht und wartet. Es sei kein Taxi zu sehen, antwortet die Dame freundlich. Falls sie etwas bemerkt, so würde sie dem Fahrer das richtige Hotel nennen. In meinem Kopf gehe ich die möglichen Alternativen durch. Noch eine Nacht in der Stadt verbringen? Oder doch laufen? Alle Überlegungen konnten verworfen werden, als das Taxi mit zehnminütiger Verspätung vor meinen Füßen hält.
Auf dem Weg nach Culmont steigen zwei weitere Fahrgäste ein. Ich verstehe den Inhalt des Gespräches nur bruchstückhaft. Irgendetwas über viele Millionen Euro, Deutschland und Amerika. Es geht wohl um Politik. Und ich vermute, auch das Flüchtlingsthema wurde besprochen. Anderes Land, gleiche Themen.
In Culmont hält das Taxi direkt vor dem Bahnhof. In der Bahnhofshalle ziehe ich ein Ticket nach Langres. Am Automaten scheitere ich beim entwerten des Fahrscheins.. Wie ich ihn auch drehe und wende, er passt nicht in den Schlitz. Die Hinweise auf dem Apparat sind ausschließlich auf französisch. Ich bitte einen jungen Mann um Hilfe, doch auch er kann mir nicht weiterhelfen. Eine Dame bemerkt meine offenkundige Ratlosigkeit und ist bei der Entwertung behilflich. Der Zug steht schon am Bahnsteig. Im Abteil treffe ich den jungen Mann aus der Bahnhofshalle wieder. Er kommt aus der Schweiz und war vor ein paar Jahren selber auf dem Jakobsweg. Er befindet sich auf dem Weg nach Paris und besucht einen damailigen Weggefährten. Das finde ich toll. Derartige Wiedersehen sind vermutlich die Ausnahme. Erst recht, wenn die Menschen hunderte oder sogar tausende Kilometer voneinander entfernt wohnen. Das ist keine Seltenheit. Es treffen sich schließlich Menschen aus allen Kontinenten auf dem Weg. Jedoch bleiben die gemeinsamen Erfahrungen, Erinnerungen und die schöne Zeit, die man zusammen erlebt hat. Nach 10 Minuten erreicht der Zug Langres und für mich ist die Fahrt beendet.
Da stehe ich nun 08:30 Uhr auf dem Bahnsteig von Langres. Das Tagesziel ist erreicht. Ich möchte heute Nacht gerne in einem günstigen Bett schlafen. In meinem Buch wird eine Pilgerunterkunft auf Spendenbasis erwähnt, aber im Internet ist zu lesen, dass im Sommer 2014 keine Pilger aufgenommen werden konnten, da im Haus syrische Flüchtlinge untergebracht wurden. Es gilt herauszufinden, ob sie den Pilgern wieder zur Verfügung steht.

Der Bahnhof befindet sich einen Kilometer außerhalb des Ortes. Langres liegt auf einem Vorgebirge der gleichnamigen Hochebene. Die Straße geht stetig bergauf. Oben angekommen bietet der Blick von der Stadtmauer eine schöne Aussicht auf das umliegende Tal. Auf einer Bank breite ich mein Frühstück aus, als ein Pilger um die Häuserecke gebogen kommt. Er ist durch den gleichen gelben Outdoorführer als Deutscher zu erkennen. Er schlief letzte Nacht in der Unterkunft, die ich aufsuchen möchte.
Die nächsten Stunden verlaufen gelinde gesagt ruhig. Es kann auch anders formuliert werden: Ich langweile mich, denn die Zeit bis zum Nachmittag vergeht quälend langsam. Außer Postkarten zu versenden und den Pass stempeln zu lassen, steht nichts auf der Agenda. Die meiste Zeit sitze ich in einer Einkaufsstraße auf einer Parkbank mit Blick auf eine Statue Diderot´s. Denis Diderot ist ein Kind dieser Stadt, ein französischer Schriftsteller und Philosoph des 18. Jahrhunderts. Es gilt, unnötiges Laufen zu vermeiden und die Füße zu schonen, damit ich nach zwei Tagen Regeneration wieder voll einsteigen kann.
In der Unterkunft treffe ich vorerst auf keinen Gastgeber. Im Hausflur lausche ich durch eine Zimmertür, aus der eine Predigt und verschiedene Gesänge erklingen. Ein Mann kommt die Treppenstufen herunter. Er zeigt mir das Zimmer und ich widme mich als erstes dem Gästebuch, um die Einträge der vergangenen Tage zu lesen. Magdalena aus Bremen schlief letzte Nacht in diesem Zimmer. Eine Pilgerin! Nur einen Tagesmarsch von mir entfernt! Es ist nicht das erste Mal, dass ich in den Gästebüchern von ihr lese. Auch in Domremy-la-Pucelle fand ich einen Eintrag.
Auf dem Weg zum Supermarkt höre ich durch die offene Tür der Kathedrale ein kräftiges Orgelspiel, welches bis hinaus auf die Straße erklingt. Die Neugier treibt mich hinein und zu meiner Verwunderung stehe ich einer menschenleeren Kathedrale. Einzig in der Orgelempore sitzt der Orgelspieler und spielt diese wunderschöne Melodie. Die kräftigen Töne hallen durch den Raum und vermitteln eine besondere Atmosphäre. Wer einmal ein Orgelspiel in einer Kirche erlebt hat, wird diesen beeindruckenden Klang nicht mehr vergessen. Ein unglaublicher Augenblick, der den Eindruck erweckt, als würde das Musikstück in diesem Moment nur für mich gespielt werden. Ich verlasse die Kathedrale schneller als mir lieb ist, aber ich benötige unbedingt Abendbrot und ich weiß nicht, wann der Supermarkt schließt.
Am Abend lese ich im Internet den Reiseblog einer Pilgerin, die Kniebeschwerden beschreibt und von einem Arztbesuch berichtet, bei dem ihr eine Bandage zur Stabilisierung verordnet wurde. So eine Bandage wäre genau das Richtige für meinen Fuß! Die nächste Apotheke liegt nur ein paar Minuten entfernt. An der Theke erkläre ich mein Anliegen mit Händen und Füßen äußerst gestenreich. Auf meinem Handy zeige ich Bilder einer Knöchelbandage. Die Apothekerin sucht verschiedene Modelle heraus, die nacheinander anprobiert werden. Mit viel Geduld und dank der sehr sympathischen Apothekerin finden wir ein passendes Modell. Morgen wird sich herausstellen, ob die 35€ gut angelegt sind.