Tag 16: Auberive – Ferme de Borigrault

Am Morgen klopfen die deutlich hörbar auf das Dachfenster. „Am Besten einfach die Augen schließen und die Decke über den Kopf ziehen“, denke ich mir. Heute ist kein Tag für Schön-Wetter-Pilger. Doch alles klagen nützt nichts. Die Regenjacke und -hose feiern heute ihre Pilgerpremiere.

Die dunklen Wolken verziehen sich überraschend schnell und nach 20 Minuten sind beide Kleidungsstücke wieder im Rucksack verstaut. Die wasserdichte Hose hat zwar den Vorteil, dass sie vor Regenwasser schützt, allerdings ist es gleichzeitig auch ihr Nachteil, da warme Luft und Schweiß nicht entweichen kann sie sie nach kurzer Zeit im Inneren genauso Nass ist, wie auf der Außenseite. Ich wünschte, ich hätte das Geld in eine vernünftige Regenhose investiert und von diesem 25€-Schnäppchen Abstand genommen. Nach einer Pause vergesse ich meinen Wanderstock und muss einen zusätzlichen halben Kilometer laufen.

Nach der anspruchsvollen Etappenlänge von Gestern kommen mir die 15 Kilometer zur Ferme Borigrault sehr gelegen. Hauptsache es entwickelt sich keine erneute Überbelastung. Der Bauernhof ist in Besitz einer deutschen Familie und nachdem letzte Woche in Domremy-la-Pucelle das Glück nicht auf meiner Seite war, gibt es heute eine neue Gelegenheit für einen schönen und unterhaltsamen Abend mit guten Gesprächen.

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Selbst die Wartehäusschen der Busse haben hier ganz großen Stil

In trockenen Klamotten komme ich trotzdem nicht an, Kurz vor dem Bauernhof gibt es einen letzten Wolkenbruch. Nass von Kopf bis Fuß suche ich auf dem Grundstück nach einer Ansprechperson. Der junge Sohn zeigt mir das Zimmer. Abendbrot gibt es 19 Uhr. Das Zimmerausstattung ist pragmatisch. Ein Bett, ein Stuhl, ein Nacht- und Kleiderschrank. Auf W-LAN muss ich heute verzichten. Auf Handtücher im Bad auch.

Bis zum Abendbrot sitze ich im Gemeinschaftsraum und lese eine deutsche Zeitschrift, die auf der Fensterbank lag. Im Moment ist es mir völlig egal, dass es sich um eine Frauenzeitschrift handelt. Selten waren Artikel über Frisuren, Kosmetik und Mode so interessant, wie in diesem Moment. Ich freue mich einfach, etwas lesen zu können und nutze dafür jeden Zeitungsartikel.

Zum Abendessen wird der Tisch mit einem Getränk, einem Teller und Besteck gedeckt. Das sieht nicht nach einer gemeinsamen Mahlzeit aus. Aber es ist meine Schuld. Später lese ich auch der Internetseite noch mal genauer. Auf der Homepage werden Mahlzeiten im Kreise anderer Gäste an großen Tischen beschrieben. Und da es neben mir keine weiteren Gäste gibt, sitze ich alleine am großen Tisch. Das ist eine herbe Enttäuschung. Zu einem Glas Rotwein werden als Vorspeise Tomaten mit Ziegenkäse gereicht. Bislang ist an mir kein besonders guter Käsekenner verloren gegangen, aber der Ziegenkäse schmeckt wirklich vorzüglich. Das Hauptgericht besteht aus Nudeln in Weißwein-Käse-Sauce mit Fleisch vom Charolais. Diese französische Rinderrasse sah ich in den letzten Tagen öfter neben mir auf der Weide grasen. Das Essen bringt mich ins Schwärmen. Den Rest des Abends muss ich für mich bleiben und sehe niemanden aus der Familie. Ernüchterung macht sich breit. Ich hatte mir mehr Nähe und Austausch erhofft. Die verschiedenen Umgangsweisen mit mir und die Charakteristiken in den bisherigen privaten Unterkünften sind wie das Leben: nicht vorhersehbar.

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