Tag 17: Ferme de Borgirault – Tarsul

Die Wetterprognose sagt einen verregneten Tag voraus. Keine guten Voraussetzungen für einen gemütlichen Pilgertag. Wenigstens beginnt der Tag mit einem Abstieg ins Tal. Nach 500 Metern vermisse ich meinen Wanderstock. Ich habe ihn mal wieder in der Gité vergessen. So mache ich es mir selbstverschuldet anstrengender, als es sein müsste. In Grancey-la-Chateau finde ich ein kleines Lebensmittelgeschäft und fülle mein Proviant. Poiseul-les-Saulx ist 21 Kilometer entfernt. Das Dorf zählt 63 Einwohner und ein ehemaliges Backhaus, das den Pilgern als Schlafort zur Verfügung steht.

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Früher: Backhaus. Heute: Die wohl einfachste Unterkunft in Frankreich.

Ich wünschte mir, dass sich die Meteorologen geirrt hätten. Aber der Regen hielt jeden einzelnen Kilometer bis nach Poiseul-les-Saulx an. Das verlassene Backhaus bietet weder Strom, noch Heizung oder ein Bett. Ein paar Stühle, zwei Bänke und ein Tisch gehören zur Ausstattung. Als einzige Lichtquelle steht auf der Fensterbank steht eine große, schwere Kerze. Der heruntergeflossene Wachs auf der Fensterbank erzählt von vielen Pilgern, die hier ihr Nachtlager aufschlugen. Es ist die einzige verfügbare Lichtquelle. Weder ein Feuerzeug, noch Streichhölzer nenne ich mein Eigen und ich muss es an einer der Wohnungstüren erfragen.

Einmal die Grand Rue vom Angfang bis zum Ende abgelaufen und der Rundgang durch das Dorf ist erledigt. Im Häuschen stelle ich die Stühle mit der Bank so aneinander, dass die Isomatte und Schlafsack darauf ausgebreitet werden können. Ich stelle mir die Frage, an welcher Stelle kann ich eigentlich meine Notdurft verrichten kann? An der Kirche sah ich keine Toiletten. Andere Möglichkeiten sind mir auch nicht unter die Augen gekommen. Hinter dem Dorf beginnt ein weit zu überblickendes Ackerfeld. Wie haben das die anderen Leute gemacht? Ich komme ins Grübeln und bin mir unschlüssig, ob ich bleiben oder den Rucksack packen und zum nächsten Ort weiterziehen soll. Sieben Kilometer sind es bis Tarsul. Der Regen hat nachgelassen. Im Pilgerbuch ist eine Unterkunft für 50€ angegeben. Das ist zu teuer. Dennoch wähle ich die Telefonnummer. Der Preis ist nicht verhandelbar. Stattdessen notiere ich mir die Telefonnummer einer Frau namens Petra. Diese soll ich anrufen.

Gesagt, getan. Petra ist eine in Frankreich lebende Deutsche, die momentan mit ihrer Familie zu Besuch bei ihren Schwiegereltern in Tarsul ist. Diese geben Pilgern ein Zimmer. Mit Abendbrot Abendbrot und Frühstück werden 30€ verlangt. Ich notiere mir die Adresse und schultere den Rucksack. Die Aussicht auf ein warmes Essen und eine Toilette geben mir unverhofften Antrieb. Auf dem letzten Kilometer schiebt sich die dunkle Wolkendecke zur Seite und die Sonne strahlt mit mir. Auf die freundlichste Art werde ich an der Haustür begrüßt. Nach dem Duschen komme ich endlich zu meiner lang ersehnten Unterhaltung. Vor vielen Jahren zog Petra nach Abschluss ihres Französischstudiums nach Frankreich und arbeitet seitdem als Deutschlehrerin.

Einen Aperitif als Appetitanreger zum Abendbrot ist nichts ungewöhnlich. Irritiert bin ich von den Chips und Erdnussflips, die auf dem Tisch stehen. Im Nachhinein muss ich mir eingestehen, dass ich mich im Vorfeld einfach nicht genug mit der französischen Kultur und den Traditionen befasst habe. Ich belese mich, dass es nicht nur „den Aperitif“in Form des alkoholischen Getränkes, sondern auch „das Aperitif“ bzw. „das Apero“ gibt. Es bezeichnet ein gemütliches Beisammensein unter Freunden oder der Familie, wahlweise vor dem Abendessen. Zu diesem Anlass werden alkoholische Getränke, Salzgebäck und andere Knabbereien gereicht, um gut in den Abend zu starten und in Gespräche zu kommen. Der Apero ist ein weiteres Beispiel für die facettenreiche Esskultur der Franzosen.

Während im Hintergrund das Feuer im Kamin knistert und das Zimmer mit einer angenehmen Wärme füllt, stoßen wir mir einem fröhlichen „tschin tschin“ auf das gegenseitige Wohl an. Nach der Porreesuppe mit Baguette und Aufschnitt, durfte die Käseplatte zum Dessert selbstverständlich nicht fehlen. Nach und nach verabschieden sich die Leute ins Bett und auch ich gehe 22:00 Uhr auf mein Zimmer.

Die Erlebnisse und Eindrücke an diesem Abend sind eine unfassbare Bereicherung und ein Blick in das Herzstück der französischen Kultur. Kein Hotel, kein Restaurant und kein touristisches Angebot können einem vergleichbaren Zugang in die authentische Lebensweise des französischen Volkes bieten. Ich bin dankbar und sehr berührt und freue mich, von allen Menschen so freundlich aufgenommen worden zu sein.

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