Auf der Terrasse zwitschern die Vögel munter von den umliegenden Baumkronen hinunter, als ich die Tür des Chalets nach dem Verlassen schließe. Das Wetter zeigt sich während den 25 Kilometern nach St. Desert abermals von seiner sonnigen Seite. Im Vergleich zu den letzten Tagen werden die Weinberge weniger und die Etappe durch das ein oder andere Waldstück hügeliger. In den letzte Tagen war der Streckenverlauf sehr einfach gestaltet. Im Vergleich komme ich heute durch die Auf- und Abstiege langsamer voran.
Auf dem Weg wird man stellenweise mit den unterschiedlichsten Hindernissen konfrontiert, die sich einen sprichwörtlich in den Weg legen. Sei es ein umgestürzter Baum, ein überfluteter Weg oder eine besonders schwer zu bewältigende Passage. Am Mittag versperrt mir ein mit zwei Eisenketten verschlossenes Gatter den Weg. Nach links und rechts verlaufend ist die gesamte Weide mit Stacheldraht umzäunt. Ich bin mir nicht sicher, ob der Weg tatsächlich hier hindurch führt, aber das Muschelzeichen am Zaun ist eindeutig. Es kommt nicht alle Tage vor, dass ich unter Stacheldraht hindurch krieche. Der einzig ersichtliche Grund für die rigorose Absperrung ist, dass es sich um ein Privatgrundstück handelt. Dann wäre der Eigentümer über meinen Besuch mit Sicherheit alles andere als erfreut. Auf der Weide gab es keinen Pfad oder einen anderen Hinweis, dass es sich um ein öffentliches Gelände handelt. Ich laufe einfach der Nase entlang über das Feld und bin gespannt, wo ich am Ende rauskomme. Obwohl auf der Weide kein Tier grast, lasse ich mir nicht unnötig viel Zeit. Auf den Hörnern eines Bullen nehme ich nur ungern Platz. Ich erreiche eine Straße, der ich weiter folge.

16 Uhr stehe ich vor dem Tor des Maison Diocésaine Saint Désert. Ein großes Anwesen des Ordens „Le Soeurs de Notre Dame de la Salette“. Durch die Sprechanlage nehme ich Kontakt zu einer Ordensschwester auf, die mir anschließend die lange Auffahrt zum Anwesen entgegenkommt, um das große Eisentor zu öffnen. Sie bringt mich in einen Raum mit neun Betten. Als einziger Pilger für die heutige Nacht besteht freie Bettwahl. So werde ich alleine gelassen. Erst auf meine Nachfrage erhalte ich abends etwas zu essen. Als etwas sonderbar empfinde ich die Ordensschwester. die die ganze Zeit neben mir sitzt und und wartet, bis ich mit essen fertig bin. Es ist kein angenehmes Zusammensitzen, vielmehr habe ich das Gefühl, dass mit skeptischen Blick auf mich aufgepasst wird. Aufgrund der sprachlichen Barriere kann sich zwar kein Gespräch entwickeln, aber trotzdem vermisse ich ein ganzes Stück Offenheit und Herzlichkeit.

Alleine in einem 9-Bett-Zimmer, kein Internet, nichts zu lesen, da kann es schon ein bisschen langweilig am Abend werden. Ich wasche meine Kleidung, hänge sie über die Heizung und bemerke erst später ihren defekten Zustand. Hoffentlich wird bis Morgen alles trocken.