09:00 Uhr verlasse ich St. Cecile mir dem Ziel Gros-Bois. Das Geld lege ich in die eigens hierfür vorgesehene und auf der Kommode befindenen blauen Schatulle. Das Ehepaar sehe ich an diesem Morgen nicht und somit bleibt uns eine Verabschiedung verwehrt. Der Weg aus dem Dorf führt über eine Brücke, mit deren Hilfe die Route National 79 überquert wird. Unter meinen Füßen schießen die Autos förmlich in kurzen Frequenzen hindurch. Ein kurzes Stück führt der Jakobsweg weiter neben der Route National entlang. Die vorbeirasenden Autos legen in weniger als einer halben Stunde die gleiche Distanz zurück, die zu Fuß einen ganzen Tagesmarsch bedeuten. Nur selten wurde mir der Zustand der eigenen Entschleunigung derart bewusst, wie in diesem Augenblick.
Danach die erste kleine Steigung. Der parallel führende Wegverlauf zur Route National wird verlassen und lenkt in ein Waldgebiet ein. Im Dickicht erledigen Forstarbeiter tatkräftig ihr Handwerk und fällen Bäume. Die tiefen Profilspuren der schweren Maschinen, die in den letzten Tagen schon hier und da auf Waldwegen sichtbar waren, drücken sich in den weichen Waldboden. Damit ich gefahrlos den Weg passieren kann, stellt der Arbeiter für einen Augenblick seine Tätigkeit ein. Kurz darauf beginnt hinter meinem Rücken das ohrenbetäubende Sägen aufs Neue, bis das Holz des Baumstammes knirschend nachgibt und der Baum deutlich hörbar zu Boden kracht. Heute ist es denkbar einfach, den Weg zu finden. Wann immer ich vor einer Weggabelung stehe, ist jener Weg der im Gelände nach oben führt, immer der Richtige.
In Tramayes unterstützt mich die Touristen-Info bei der Reservierung für Morgen in der „Gite d`etape communal du plan d’eau“. Es ist wieder ein Chalet. Damit machte ich schon in Chagny gute Erfahrung. Was bedeutet der Zusatz „du plan d’eau“? Irgendetwas mit Wasser. Ich lasse mich überraschen. Im Lebensmittelgeschäft der Gemeinde decke ich mich nur mit dem Nötigsten ein. Den weiteren Bedarf werde ich in Ouroux kaufen, um den Rucksack nicht unnötig zu beschweren Von Ouroux sind es danach nur ein paar Kilometer bis zu meiner Unterkunft in Gros-Bois.
Ich hatte nicht bedacht, dass die Läden in kleinen Orten montags nicht selten geschlossen haben. Ouroux macht in dieser Hinsicht keine Ausnahme. In einer Gaststätte erzähle ich dem Besitzer von meinem Malheur. Daraufhin verschwindet er in der Küche, um mit ein paar Stücke Baguette und eine kleine Käseplatte zurück an den Tisch zu kommen.
20 Minuten Wald einwärts liegt meine Unterkunft. Heute Nacht schlafe ich in einem Schloss. Um es vorwegzunehmen: Weder nächtige ich in einem prunkvollen Ambiente, noch schlafe ich in einer Suite oder gönne mir anderen dekadenten Luxus. Eine Mauer umschließt die Liegenschaft und durch ein großes Eisentor betrete ich das Grundstück. Auf dem Anwesen ist niemand anzutreffen und das Klopfen an der Tür bleibt ohne Erfolg. Vor der Tür steht ein Plastikstuhl. Ich lasse mich nieder, lehne ich mich zurück und als nach einer halben Stunde noch immer niemand in Sichtweite ist, wähle ich die Handynummer des Eigentümers. Er sei unterwegs und in zehn Minuten da. So geschieht es.
Der Besitzer erzählt mir, wie er in den 80er Jahren das Anwesen mit ein paar Freunden kaufte. Im Laufe der Jahre stellten die Freunde ihre Mitwirkung ein. Nun kümmert sich der Mann alleine um die Instandhaltung des riesigen Anwesens. In Anbetracht der Grundstücksgröße ist das für eine Einzelperson eine sehr ambitionierte Aufgabe und ein zeitintensives Unterfangen.

In einem kleineren Nebengebäude werden mir die Zimmer gezeigt, die nichts mit den Bildern auf der Internetseite gemeinsam haben. In der renovierungsbedürftigen Unterkunft herrschen fast unhygienische Zustände. Die Tapeten lösen sich von den Wänden, die karge Einrichtung im Erdgeschoss besteht aus einem großen Esstisch und einer Küche, in der man lieber nicht kochen möchte. Im Obergeschoss liegt der Schlafbereich mit ein paar Betten, die keinen besseren Eindruck machen, Als einzige Wärmequelle im Raum dient ein alter Radiator. Auf der Internetseite wird eine Verpflegung mit Halbpension angeboten. Das sei heute nicht möglich. Stattdessen erhalte ich auf Nachfrage eine Packung Nudeln und eine Dose Thunfisch aus der Vorratskammer, um überhaupt etwas zwischen die Zähne zu bekommen. Später findet ein weiterer Pilger den Weg zur Unterkunft. Bruno, ein 67-jähriger Luxemburger. Seinen Weg begann er in Luxemburg und somit haben wir bisher in etwa die gleiche Distanz zurückgelegt. Bruno hatte ebenfalls gehofft, in Ouroux etwas zu essen kaufen zu können. Wir bekommen eine zweite Packung Thunfisch, Streukäse, eine kleine Käseplatte und Baguette.
Am Abend erkunde ich das Gelände etwas genauer. Hinter dem Hauptgebäude erstreckt sich eine Anlage, die mehr an ein Waldstück als an eine Gartenanlage erinnert. Am Wegrand wachsen – mal mehr mal weniger gepflegt – artenreich die verschiedenen Sträucher und in die Luft ragende Bäume. Bruno erzählte, dass das Grundstück bis hinunter nach Ouroux verläuft. Aber so weit möchte ich heute dann doch nicht mehr laufen.