Tag 26: Gros-Bois – Propieres

Ohne Frühstück und Proviant beginne ich den Weg Richtung Propieres. An meiner Seite läuft nun Bruno. Das Wetter ist den ganzen Tag miserabel. Es regnet unaufhörlich und in den höheren Ebenen wechseln sich Regen, Schneeregen und Hagelschauer ab. Wir laufen durch schweres Gelände, das den Begriff „Weg“ nur bedingt verdient. Die schmalen Pfade hinauf an den steilen Hängen aus Geröll bieten keinen stabilen Untergrund und ich frage mich, wer auf die Idee kam, diese Strecke als Pilgerweg zu deklarieren. Ich bin froh über meine knöchelhohen Wanderstiefel, die mit ihrem hohen Schaft für eine gute Stabilisierung des Sprunggelenks sorgen.

20160426_095814

Je mehr ich mich dem Zentralmassiv nähere, desto höher führen die Wege. Heute wird an der 1000 Höhenmeter-Marke gekratzt. Orte sucht man in der Waldpassage vergebens. Umso glücklicher bin ich, als am Gebirgspass Col de Crie der Waldpfad in einen asphaltierten Weg mündet und in der Ferne das „Maison de la Randonnée et du Trail“ zu sehen ist. Das Haus ist ein Anlaufort für Touristen und häufiger Ausgangspunkt für Wanderungen in der Gegend. Im Sommer ist es ein Ort für musikalische Events und die Grünanlagen laden zum verweilen ein. Die Fotos auf der Internetseite lassen den Trubel nur erahnen, von dem an einem nebligen Apriltag nichts erkennbar ist. Wir stehen vor einem verschlossenen Haus. Dienstags ist Ruhetag. Anstatt sich also bei einem warmen Getränk und einem kleinen Bissen aufzuwärmen, geht es ohne Pause weiter. Während des Laufens greife ich immer mal wieder in meinen Frischhaltebeutel und esse eine handvoll Nudeln vom Vorabend.

20160426_115708

Im 500-Seelenort Propieres finden wir einen Proxi-Markt und versorgen uns mit Proviant. Intermarché, Carrefour, Proxi, Casino: In Frankreich gibt es ein großes Portfolio an verschiedenen Einkaufsmöglichkeiten, die sich in der Größe der Ladenfläche und der Angebotsvielfalt unterscheiden. Proxi-Märkte sind kleine Lebensmittelmärkte für Waren des täglichen Bedarfs. Die nächstgrößere Dimension sind Discounter wie z.B. Lidl und Aldi, die es auch in Frankreich gibt. Wer einen Großeinkauf für die Familie machen möchte, der ist einem Supermarkt (Supermarché) wie z.B. em Intermarché gut aufgehoben. Mit ihrem breiten Sortiment an der Fisch-. Fleisch- und Käsetheke bleibt kaum ein Wunsch offen. Sie sind gut mit Kaufland oder Real zu vergleichen. Ganz oben in der Kette steht der Hypermarchè („Carrefour, Casino) mit einer Verkaufsfläche von 20.000m² und bis zu 70.000 Artikel.

Der Campingplatz liegt einen Kilometer hinter dem Dorf und es führt ein schmaler, von Wiesen umgebener Asphaltweg schnurstracks geradeaus in dessen Richtung. In unmittelbarer Nähe befindet sich ein See, an dem die Holzhütten in Reih´und Glied stehen. Nachdem wir eine Zeitlang auf einem völlig verwaisten Campingplatz stehen, fährt eine Frau vor, nimmt unsere Personalien auf, überreicht uns die Bettwäsche, gibt mit den Schlüssel in die Hand und fährt wieder weg. Dabei hat es sie überhaupt nicht interessiert, warum wir zu Zweit vor ihr standen, obwohl sich nur eine Person angekündigt hatte. Schnell in die warme Stube. Aber es ist alles andere als warm. Es ist klirrend kalt. Nachdem die Heizung auf maximale Leistung gestellt wurde, füllt sich die Hütte langsam mit Wärme. In Punkto Sauberkeit und Ausstattung besteht kein Grund zur Beschwerde. Im vorderen Bereich stehen zwei Doppelbetten mit einem kleinen Tisch und der hintere Abschnitt teilt sich in Kochnische und Bad.

20160426_152735
Sieht schlimmer aus, als es ist.

Die To-Do-Liste für heute Nachmittag: Essen, Duschen, Blase aufstechen. Es ist meine erste Blase nach über drei Wochen laufen. Heute morgen klebte ich vorsorglich ein Blasenpflaster über eine wunde Stelle. Als ich es nach dem Duschen entferne, sehe ich diese riesige Blase, die sich über die gesamte Zehe erstreckt. Ich vermute, das Blasenpflaster hat erst recht zur Blasenbildung beigetragen. So ein Ding kommt mir nie wieder auf meine Haut. Das bisher unbeachtet im Rucksack verstaute Desinfektionsspray findet zum ersten Mal Anwendung. Los geht´s: 1. die Blase desinfizieren, 2. die Blase mit dem Taschenmesser aufstechen, 3. aufgestochene Blase an der Luft trocknen lassen. Ich werde sehen, wie weit der Heilungsprozess bis morgen früh vorangeschritten ist.

20160426_193140
Blick ins trübe Grau

Weil der Campingplatz außerhalb des Ortes liegt, gibt es keine weiteren Highlights zu entdecken. Am Abend stelle ich meinen Kochtopf mit Cassoulet auf den Herd. Es ist ein Eintopf bestehend aus weißen Bohnen, Speck, Schweinefleisch und Würstchen. Ursprünglich ist es ein Gericht aus dem Süden Frankreichs, genauer gesagt aus der Region Languedoc. Vom Namen der Speise leitet sich übrigens auch das Küchenutensil Kasserolle ab. Oder wie ich es nenne: „Topf mit Stiel“.

Hinterlasse einen Kommentar