Ungewohnt schwerfällig komme ich aus dem Bett und stehe erst 07:30 Uhr auf den Beinen. Bruno tüftelte noch den gesamten gestrigen Abend an seiner Route. Möglicherweise möchte er von einer Übernachtung in St.-Jean-St.-Maurice absehen und direkt bis zum nächsten Ort laufen. Bis nach St.-Jean-St.-Maurice sind es schon 26 Kilometer. Zum nächsten Ort kommen nochmal ein paar Kilometer hinzu. Bruno verlässt die Pension lange bevor ich fertig gepackt habe.
Ich mache heute das erste mal Bekanntschaft mit der Loire. Sie wird von mir über eine Brücke zum Nachbarort Briennon überquert. Die Loire ist der längste Flus
s Frankreichs, der im Zentralmassiv entspringt und sich als letzter großer Wildwasserfluss Mitteleuropas ihren 1020 Kilometer langen Weg bis in den Atlantischen Ozean bahnt. Bevor ich in den Ort gelange führt der Weg zuvor links einem Kanalpfad bis zu einem kleinen Hafen entlang. Im ruhigen Gewässer stehen die Boote aufgereiht am Steg befestigt. An der Weggabelung hinter dem Hafen zeigt eine durchkreuzte Jakobsmuschel, dass der rechte Abzweig der richtige ist. Um mir den großen Bogen um Roanne zu ersparen, verlasse ich an dieser Stelle die offizielle Strecke und wähle den direkten Weg nach St.-Jean-St.-Maurice. Die folgenden 12 Kilometer sind ein landschaftlicher Offenbarungseid. Neben der stark befahrenen Fahrbahn ist in den meisten Fällen noch genügend Platz zum Laufen. Die LKW´s rasen zwei Meter neben mir vorbei. Vorsichtshalber bleibe ich bei jedem herankommenden Laster stehen und versuche so weit wie möglich zur Seite zu weichen. Nach 3 1/2 Stunden komme ich in Roanne an und hole mir kurz vor der Mittagsschließun meinen Stempel in der Touristen-Information, suche ein paar schöne Postkarten und lasse mir ein Bett in der Gite von Pommiers-en-Forez reservieren.
Roanne ist die erste größere Stadt seit Dijon. In der belebten Innenstadt reiht sich Geschäft an Geschäft. Nach knapp 700 Kilometern löst sich mein erstes Paar Socken langsam in seine Bestandteile auf. Eigens für Wanderungen konzipierte Socken mit diversen Polsterungen und verminderter Geruchsentwicklung finde ich in keinen der Läden. Aber vielleicht genügt mir ja auch die Qualität normaler Sportsocken. Es sind noch 15 Kilometer bis St.-Jean-St.-Maurice.

Der Name St.-Jean-St.-Maurice erfolgte im Zuge des Zusammenschlusses der zwei Gemeinden Saint-Jean-le-Puy und Saint-Maurice-sur-Loire im Jahr 1974. Der komplette Ortsname trägt im Übrigen noch den Zusatz „sur-Loire“. Im Büro erhalte ich den Schlüssel für die Unterkunft, die direkt nebenan ist. Das gesamte Anwesen ist ein ehemaliges Pfarrhaus („La Cure“), welches bis 1972 zu diesem Zweck genutzt wurde. Es besteht aus dem Touristik- und Kulturzentrum, einen Saal für Ausstellungen und die Unterkunft für die Pilger. Die Unterkunft teilte sich in Küche mit Aufenthaltsraum in der unteren Etage und dem Schlafbereich mit Toilette im oberen Bereich, der über eine Außentreppe erreichbar ist. Es gibt mehrere Restaurants, aber keinen Lebensmittelladen. In den engen Gassen kommen mir zwei Pilgerinnen entgegen, die auch zum alten Pfarrhaus möchten. Heike und Monika gehen den Weg in Etappen und haben bereits vor 10 Jahren mit dem ersten Teilstück begonnen.

In einer Bar erhalte ich drei Croissants und eine Packung Nudeln. Die Croissants werde ich für das Frühstück aufbewahren und die Nudeln vermenge ich abends mit einer halben Packung Frischkäse, die ich seit ein paar Tagen mit mir herumtrage. Da liegt auf dem Teller eine trockene Gesamtmasse vor mir, die mit viel Wasser heruntergespült werden muss.
Auf der Grünfläche neben dem Pfarrhaus herrscht reges Treiben. Eine Dame, die für das Aufstellen des Buffets verantwortlich ist, erklärt mir, dass eine bekannte Person aus der Region heute Abend verabschiedet wird. Sie lädt mich dazu ein, am Abend vorbeizukommen und eine Kleinigkeit zu essen. Ihr Chef habe sicher nichts dagegen. Mir wird ein Becher mit Wein in die Hand gedrückt und ich bediene mich beim Finger-Food. Zwischen den ganzen Ansprachen und Verabschiedungsszenen wuselt ein kleiner Junge um das Zelt herum. Seinen Namen und sein Alter verstehe ich. Als er aber mit reden beginnt, kann ich nur schulterzuckend verdeutlichen, dass ich ihn leider nicht verstehe. Lachend läuft er fort, rennt einmal um das kleine Festzelt herum und steht im nächsten Moment wieder vor mir. Zum Spaß haben ist keine gemeinsame Sprache nötig.

Die Sonne verschwindet jeden neuen Tag etwas später hinter dem Horizont und es ist abends länger heller. In den Abendstunden nutze ich es für eine Besichtigung der ehemaligen Festung mitsamt Wachturm. Die Aussichtsplattform bietet eine wunderbare Sicht inklusive den Blick auf die Loire, die sich zwischen den Hügeln hindurchschlängelt. Der Aufstieg auf den Turm ist für mich alles andere als einfach. Mit einer gehörigen Portion Höhenangst klettere ich mit weichen Knien die eiserne Wendeltreppe hinauf, die durch das Treppengitter stets einen Blick nach unten gewährt. Es kommt mir sehr viel höher vor, als die angegebenen 17 Meter.

Nachdem Heike und Monika aus der Pizzeria kommen, schalten wir bald das Licht aus. Doch vorher fragen sie mich noch, ob Ohropax zu meiner Grundausstattung gehören. Monika sei eine starke Schnarcherin und wenig später stellt sie es eindrucksvoll unter Beweis. Sie erinnert mich damit daran, mein Inventar spätestens dann mit Ohropax aufzufüllen, wenn das gemeinsame Schlafen mit Anderen zur Regel wird. Bruno scheint übrigens tatsächlich weitergelaufen zu sein. Ich habe ihn nicht mehr gesehen.