Die letzte Nacht war sehr unangenehm. Schon vor dem Einschlafen rumorte es in meinem Magen. In der Nacht besuchte ich dreimal die sanitäre Einrichtung. Keine guten Vorzeichen für den bevorstehenden Tag. Allerdings fühle ich mich weder krank noch kraftlos und mache mir daher keine Gedanken über einen möglichen Ruhetag. Das aktuelle Kalenderblatt zeigt den 01. Mai. Einen ganzen Monat bin ich nun unterwegs. Die Zeit vergeht rasend schnell. Am Frühstückstisch rät Monika mir, ich solle mir mal bald den Bart rasieren. Über derartige Belanglosigkeiten machte mich mir bisher keine Gedanken. „Das sieht doch bescheuert aus, wenn du dann braungebrannt nach Hause kommst und dich dann rasierst. Da wo jetzt der Bart ist, kommt doch keine Sonne hin, verstehste?“. Ich verstehe. Und ich gebe zu, mich von Tag zu Tag mehr zu einem Waldmensch zu verwandeln.
Wir verabschieden uns mit dem Wissen, sich nicht mehr zu begegnen. Die Damen entscheiden sich für eine kürzere Etappe. In zwei Tagen endet ihr diesjähriger Jakobsweg und sie werden nach Hause reisen. Der Weg führt südlich aus dem Ort heraus und ich komme für eine Verabschiedung ein letztes Mal bei Meg und Dave vorbei. Meinem Magen geht es indes noch nicht besser. Während der Campingplatz mehr und mehr aus der Sichtweite gerät, beginne ich zu singen:
„Dass man mich kaum vermisst,
schon nach Tagen vergisst,
wenn ich längst wieder anderswo bin,
stört und kümmert mich nicht,
vielleicht bleibt mein Gesicht,
doch dem Ein‘ oder Ander’n im Sinn.“
„Heute Hier Morgen Dort“ von Hannes Wader ist eines der wenigen Lieder, die sich auf meinem Handy befinden. Mit seinem Text, der so gut wie kein anderer meine Gedanken widerspiegelt, lässt er mich all die bisherigen Bekanntschaften erinnern, die meist nicht länger andauerten als von dem Gestern auf das Heute.
Nach ein paar Kilometern weiche ich kurzerhand wieder etwas von der Strecke ab, um ein paar Kilometer zu sparen. Abzukürzen bedeutet in den meisten Fällen, grüne Landschaften gegen Landstraßen zu tauschen. Ich sehe die flache Strecke gegenüber den wechselnden Höhenmetern des ausgeschilderten Jakobsweges als leichter zu bewältigen. Weitaus früher als vermutet erreiche ich Montbrison. Mit der Adresse der Unterkunft in der Hand gehe ich durch die Straßen. Hinter mir höre ich meinen Namen rufen. Das Ehepaar trifft mich bei ihrem Spaziergang an, erkennen mein markantes Pilgeroutfit und nehmen mich mit in ihre Wohnung.
Eine Tasse Tee, Kekse und ein kleiner Snack füllt meinen Energiespeicher. Das Ehepaar betreibt in der Stadt eine Creperie, die ich am Abend besuche. Nie zuvor aß ich einen herzhaft belegten Crêpes mit Käse, Salami und sauren Gurken. Bisher gab es den bei mir immer nur in der Variante mit Nutella oder anderem süßen Belag. An meinem Tisch sitzt ein Freund des Ehepaares. Der ältere Herr ist sichtbar an einer Unterhaltung mit mir interessiert und die Beiden fungieren mit ihrem bruchstückhaften Deutsch als bemühte Übersetzer. Wenn sie in der Küche beschäftigt sind, redet der Franzose einfach weiter und es scheint ihn nicht zu stören, dass ich kein Wort verstehe. Das Spiel beherrsche ich genauso gut und ich mache mir einen Spaß daraus, ihm auf deutsch von meinem Leben zu erzählen. Auf dem Weg in die Wohnung biege ich kurz auf eine höhergelegene Aussichtsstelle ab und sehe die Sonne hinter Montbrison untergehen.