Tag 35: St. Paulien – Le-Puy-en-Velay

In den letzten Tagen geriet ich mit dem Schreiben der Tagesberichte nach und nach in Verzug. Für die Tage 33 und 34 von La-Chapelle-en-Lafaye bis St. Paulien sind deshalb leider keine Notizen vorhanden.

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Heute ist für mich ein besonderer Tag. Nach 35 Tagen erreiche ich diese eine Stadt im südöstlichen Zentralmassiv, welche ich als die erste von drei großen Etappenziele sehe: Le-Puy-en-Velay. Sie ist der Ausgangspunkt der via Podiensis, die mich die nächsten 760 Kilometer bis zu den Pyrenäen führt. Für viele Pilger dient die mit Vulkanfelsen gespickte Stadt als Startpunkt ihres Jakobsweges. Die Streckeneinteilung halte ich heute bewusst kurz, um schon am frühen Mittag in Le Puy anzukommen. Mit jedem Kilometer weniger steigt die Vorfreude. Das Ziel so nah vor Augen, übersehe ich vor Le Puy eine durchgekreuzte Jakobsmuschel. Und obwohl es infolge dessen keine Wegzeichen mehr gibt, kommt mir kein zweifelnder Gedanke. Schließlich sehe ich auf der linken Seite die Stadt im Tal liegen. Als ich dann doch die Route überprüfe, merke ich den begangenen Fehler. Und da ich nicht weiß, ob mich die Straße tatsächlich noch nach Le Puy oder an der Stadt vorbei führt, kehre ich um. Freute ich mich eben noch über den abfallenden Straßenverlauf, muss nun die Steigung in Kauf genommen werden. Einen positiven Aspekt kann ich dem Irrtum dennoch abgewinnen, denn somit erhalte ich einen wundervollen Blick auf Le Puy. Zurück an der Kreuzung schlage ich den richtigen Weg ein. Es ist ein schöner Park, umgeben von Gemäuern, den ich durch eine Holztür betrete.

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Blick auf Le Puy

Das Erinnerungsfoto am Foto am Ortseingang darf nicht fehlen. Danach laufe ich durch die belebte Innenstadt direkt zur Touristeninformation. Sie ist von 12:30 bis 14:00 geschlossen. Ich warte in einem schattigen Plätzchen und gönne den Füßen frische Luft. „Hey, willst du auch ein Eis?“, höre ich jemanden rufen, „Wir haben hier noch Eis übrig“. Ich schaue nach rechts und eine junge Frau kommt auf mich zu. „Wir haben hier so eine große Packung gekauft. Willst du eins davon haben?“. Kurz entschlossen setze ich mich zu den drei Leuten direkt vor dem Supermarkt. Die junge Frau kommt gemeinsam mit ihrem Kumpel und zwei Hunden die via Gebennensis aus der Schweiz. In ihren legeren Freizeitklamotten sehen sie nach allem anderen als  nach typischen Pilgern aus und scheinen nicht nur in dieser Hinsicht das komplette Gegenteil von mir zu sein. In der Mitte liegen neben Hundefutter und einer Schüssel Wasser, diverse Zigarettenpackungen und ein 10er-Pack 0,25l-Flaschen Belle Brasseuse, eine französische Biersorte, das für alle in der Runde zur freien Verfügung steht.

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Das erste große Etappenziel nach 860 Kilometern erreicht

In der Touristeninformation meldet man mich im Relais du Pèlerin Saint-Jacques an. Durch die verwinkelten Gassen erfrage ich mich zur angegebenen Adresse durch und werde von den freundlichen Hospitalisiere empfangen. Der Schlafraum ist in einzelne Kabinen unterteilt. Als Sichtschutz kann ein Vorhang als Grenze zum Gang gezogen werden. Ich finde es sogar recht gemütlich, da es trotz vieler Personen im Raum ein gewisses Maß an Privatsphäre gibt. Eine der wenigen Streckdosen nutze ich zum Aufladen des Handys. Drei Häuser nebenan kommen im Pilgertreffpunkt „Le Relais Notre-Dame“ eine Vielzahl an Pilgern zusammen, um sich auszutauschen und kennenzulernen. Mein Pilgerausweis ist schon reichlich mit Stempeln gefüllt. Um bis nach St-Jean-Pied-de-Port genügend freie Felder für die Stempel zu haben, kaufe ich mir vorsorglich einen weiteren Pilgerausweis von Tag zu Tag mehr füllt, kaufe ich mir vorsorglich einen weiteren. Die 19-Jährige Linda kommt aus der südwestlichen Gegend Deutschlands. Es ist ihr erster Tag auf dem Jakobsweg und auch ihr Ziel heißt Santiago de Compostela. Es beeindruckt mich, sich in diesem Alter und ohne Begleitung auf ein solches Abenteuer einzulassen. Den Abend verbinge ich in der Küche mit den anderen Pilgern der Herberge.

In Le Puy erlebe ich vom ersten Moment an die Gegensätzlichkeit zum bisherigen Jakobsweg. Es ist nicht zu übersehen, dass der Ort der Beginn für viele Pilger ist. Ich bin gespannt, wie sich der Alltag für mich verändern wird.

3 Kommentare zu „Tag 35: St. Paulien – Le-Puy-en-Velay

  1. Hallo David, ich habe meine Etappe nach Le Puy kurz geplant, damit ich Zeit für die Festung Polignac und Le Puy habe. Dafür habe ich in St. Paulien leider in einer merkwürdigen Pilgerherberge übernachtet. Die Unterkunft in Le Puy war dagegen super, eine der besten, in denen ich bisher übernachtet habe. Le Puy hat mir als traditionsreiche Pilgerstadt insgesamt sehr gut gefallen. Liebe Grüße, Dario

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  2. In welcher Herberge warst du in ST. Paulien und was war an ihr so merkwürdig. Ich habe jetrzt sehr lange gesucht, aber ich kann meine Unterkunft nicht mehr ausfindig machen. Ich bin jedoch der Meinung, dass es eine sehr schöne und günstige Gite neben einer Kirche war. Weder in St. Paulien noch in Polignac konnte ich die mir in Erinnerung gebliebene Umgebung erkennen.

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    1. Hallo David, in St. Paulien schlief ich in der Gite communal. Sie erinnerte mich an ein verlassenes Krankenhaus. Die Betten waren sehr gewöhnungsbedürftig und die Hygiene mangelhaft. Dafür fand ich die Kirche toll. In Polignac habe ich die tolle Burg besichtigt. Aber Le Puy war natürlich ein Highlight, die engen Gassen, die Kathedrale, die Pilgerherberge und die Kapelle St. Michael waren jeweils auf ihre Art sehr beeindruckend. Liebe Grüße, Dario

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