Wenn ich bedenke, dass ich mit etwa 22 weiteren Menschen in einem Raum zu schlief, verlief die Nacht angenhem störungsfrei. Die Schnarchgeräusche meines Kabinennachbars konnte ich trotzdem nicht komplett ausblenden. Notdürftig drehte ich ein Stück Küchenrolle zu einem kleinen Kügelchen und steckte sie mir ins Ohr. Genutzt hat es nichts. Dennoch schlief ich zügig ein. 06:00 Uhr ist die Nacht zu Ende und eine halbe Stunde später sitze ich am Frühstückstisch. Es gibt keine Zeit zum Trödeln. Auf keinen Fall möchte ich zu spät zur Pilgermesse kommen, die täglich 07:00 Uhr gehalten wird. Es bedarf etwas Überwindung, in seiner Toilettenkabine direkt neben einer anderen Person seine Notdurft zu verrichten. Die einzelnen Toiletten sind zwar voneinander abgetrennt, aber in sich nicht abgeschlossen. Öffentliche Toiletten waren noch nie mein Ding.
Die Pilgermesse findet in der Kathedrale Notre Dame statt, die nur ein paar hundert Meter von der Herberge entfernt steht. Ich erkenne das Mädel mit den zwei Hunden von gestern Nachmittag wieder und nehme neben ihr Platz. Vom Inhalt der Pilgermesse verstehe ich nur das Allerwenigste. Zum Abschluss erhalten wir den Pilgersegen und als Geschenk einen Anhänger mit abgebildeter Jakobsmuschel. Auf der Rückseite ist eine Abbildung der schwarzen Madonna mit der Schrift „Notre Dame de Puy p.p.n.“ zu sehen. Ich befestige den Anhänger an meine Kette und verlasse die Kathedrale. Schätzungsweise 50 weitere Pilger starten an diesem Morgen. Ich spüre die geschichtsträchtige Atmosphäre des Ortes, als ich die Treppenstufen der Kathedrale, die seit vielen Jahrhunderten von den Pilgern benutzt wird, heruntersteige. Molly, die ebenfalls in der Unterkunft schlief, bemerkt noch rechtzeitig, dass sie ihr Handy in der Herberge vergessen hat und ich gehe alleine los.

Ich komme mit Cindy ins Gespräch. Auch sie traf ich schon in der Gite Relais du Pèlerin de Saint-Jacques. Sie ist in meinem Alter und eine der wenigen Franzosen, mit der ich mich auf englisch unterhalten kann. Bis St. Private d’Allier haben wir schon eine Menge Spaß gehabt und viel gelacht. Während einer kurzen Pause kommt Molly um die Ecke gelaufen. Wo hat sie denn auf einmal das Tempo herbekommen, nachdem sie an der ersten Steigung eine Zwangspause einlegen musste und ich davonzog? So laufen wir zu dritt weiter. Starker Wind steht auf einer ausgedehnten Anhöhe einem zügigen Vorankommen im Weg. Zum Glück weht er nicht von der anderen Seite, denn auf der linken Seite blicke ich einen Abhang hinunter. Ein aufgestelltes Holzkreuz und ein beschrifteter Stein erinnern an einen verunglückten Pilger im Jahr 2011. Es wird nicht das letzte Mahnmal bis nach Santiago sein. Mich überkommt ein bedrückendes Gefühl. Neben all den schönen Erlebnissen, interessanten Erfahrungen und unterhaltsamen Anekdoten gibt es auch Unglücke und Schicksale die den Wegesrand pflastern.
Durch die kurzweiligen Unterhaltungen mit Cindy, vergehen die 23 Kilometer bis St. Privat d’Allier wie im Flug. An einen Brunnen kühlen sich die Mädels ihre heißgelaufenen Füße. Maria, die ich noch vom gestrigen Pilgertreffen kenne, stößt hinzu. Bei ihr lief etwas bei der Reservierung Ihrer Unterkunft schief und sie hat Glück, dass in unserer Gite noch ein Bett frei ist.
Gemeinsam mit Cindy und Molly besuche ich am Abend ein Laden, der eine Mischung aus Bäckerei, Pizzeria und Einkaufsladen darstellt. Während die Pizza zubereitet wird, setzen wir uns in eine Bar und stoßen auf den ersten Tag auf der via Podiensis an. Bevor die Sonne hinter de Horizont verschwindet machen wir einen abschließenden Spaziergang durch den Ort, vorbei an einem schönen Aussichtspunkt, einer Kirche und feiernden Franzosen. Uns wird ein Becher mit Sekt gereicht und lautstark von den angeheiterten Männern über unseren Jakobsweg ausgefragt.

Der Schlafraum der Gite unterteilt sich in zwei Bereiche mit insgesamt 6 Schlafplätzen. Ich hatte noch keine Möglichkeit mir Oropax zu kaufen. Molly drückt mir ein paar in die Hand. In der Nacht erweisen sie sich als hilfreich und lassen mich trotz Erkältung einer Mitpilgerin gut schlafen.