In meinen Erinnerungen verschwimmen die Tage immer häufiger ineinander. Was habe ich wann und wo erlebt? Wie hieß der letzte Ort? Wie lautete der Name der Unterkunft? In der Summe waren in den vergangenen Monaten so viele. Aus diesem Grund bin ich froh, mich für das Schreiben eines Reisetagebuches entschieden zu haben. Ich möchte so viele Erinnerungen wie möglich aufbewahren, die unmöglich alle im Gedächtnis behalten werden können.
Von Saint-Chely-d’Aubrac führt der Weg nach Espalion. Maria möchte heute alleine laufen. Unsere Vereinbarung zu Beginn hieß, uns gegenseitig Bescheid zu geben, wenn man mal Zeit sich haben möchte. Trotzdem finde ich es ein bisschen schade. In den letzten fünf Tagen haben wir fast ausnahmslos den Weg zusammen gemeistert. Doch dadurch bietet sich auch eine gute Gelegenheit für die Rückbesinnnung auf mich und den Weg. Und auf einmal steht er vor mir. Völlig unerwartet blickt er mich im Morgengrauen neben der Straße an. Der heilige Jakobus ganz persönlich. Er wirkt zwar etwas hölzern und ist nicht sehr gesprächig, aber gegen ein gemeinsames Foto hat er keine Einwände.

Über eine alte Kalksandsteinbrücke verlasse ich Saint-Chely-d’Aubrac. Der Hochebene der Aubrac kehre ich nun – genauso wie dem gesamten Zentralmassiv – den Rücken zu. Der gestern begonnene Abstieg von 1300 Meter auf 800 Meter setzt sich heute bis auf knapp unter 400 Meter fort. Ähnliche Höhenlagen erwarten mich erst wieder in den Pyrenäen. Die asphaltierte Straße wird bald von Naturlandschaften und Waldwegen abgelöst. Vorsicht ist bei den schmalen und rutschigen Wegen mit ihren Geröll geboten.

Auf den ersten 15 Kilometer laufe ich durch ein paar Weiler. Diese, aus wenigen Gebäude bestehenden Ansiedlungen, waren mir bisher nicht bekannt. In Frankreich hingegen sind sie häufig anzutreffen. Immer wieder treffe ich auf ein bekanntes Gesicht und komme kurz ins Plaudern. Bei einem Unterstand werden warme Getränke für einen kleinen Preis angeboten. Bei dem trüben Wetter nehmen die Pilger das wärmende Angebot gerne an. Miteinem heißen Tee in der Hand erkenne ich Lori aus Boston wieder. Ich weiß nicht mehr, wo und wie ich sie kennenlernte, doch wenn wir uns sahen, blieb immer Zeit für eine kurze Unterhaltung. Leider ist heute ihr letzter Tag und sie fliegt wieder nach Hause. Ihre Freundin schenkt mir ein ganz besonderes Andenken. Es ist ein kleines, etwa scheckkartengroßes gemaltes Bild vom achtjährigen Ian aus Virginia. Im Rahmen eines Kunstprojektes schenkt sie anderen Menschen die von Kindern gemalte Bilder.

Als nächstes sehe ich Elisabeth, Rafael und Emanuel. Auch bei Ihnen heißt es heute Abschied nehmen. In den letzten Tagen teilten wir uns oft die Unterkunft. Ein letztes Mal schlafen wir heute in der gleichen Gite und der gemeinsame Abend soll im vollem Umfang genutzt werden.

Im Pilgerführer wird eine Abkürzung genannt, die ich anfänglich gar nicht einschlagen wollte. Als ich jedoch an der Weggabelung den schlammigen Weg vor mir sehe, bevorzuge ich die Landstraße.
Als erster Pilger treffe ich schon 14 Uhr in der Gite Au fil de l’Eau ein. Die Gité ist nur einen Steinwurf von der Flusspromenade des Lot entfernt. Auf einer Holzbank lege ich mich lang und mit der Mütze tief ins Gesicht gezogen, halte ich ein kurzes Mittagsschläfchen. Eine Steinplatte informiert darüber, dass Santiago noch 1368 Kilometer entfernt ist. Daneben steht die Figur eines Steinmetz, der mit Hammer und Schlageisen einen Steinblock bearbeitet:
„Freunde, Pilger, Wanderer, Touristen. Die Pfade von Saint-Jacques de Compostela werden seit dem 10. Jahrhundert als bedeutende europäische Routen klassifiziert, die heute zum Erbe der Menschheit gehören und entlang an dieser Route prächtige zivile und religiöse architektonische Kunstwerke bewundert werden können. Alle diese Gebäude wurden im Laufe der Jahrhunderte von den heute vergessenen Meistern verwirklicht. Mit dieser Statue, die einen Steinmetz darstellt, möchten wir all den Männern der Kunst, vom Meister der Arbeit bis zum Kollegen, für die Zeugnisse danken, welche sie uns hinterließen und die alle von der Liebe ihres Berufes und von der Leidenschaft für den Bau belebt wurden. Der kraftvolle Atem ihrer kreativen Inspiration war eine Geste der Ewigkeit. Vielen Dank an sie.“

Nach dem kurzen Schläferstündchen beziehe ich zeitgleich mit Maria das Zimmer. Obwohl ich keine großen Ansprüche an meine Verpflegung stelle – „Gut ist, was satt macht“ – wären drei Tage hintereinander Spagetti mit Fertigsauce selbst für mich etwas zu viel Eintönigkeit auf dem Teller. Zu meinem Ärger griff ich für meinen Salat zu einer völlig unappetitlichen Dressingsauce, die die ganze Mühe der Zubereitung zunichte macht. In der Gemeinschaftsküche finden sich fast alle Pilger der Gite zusammen. Mit Emanuel, Rafael und Elisabeth wird auf die kurze, aber nette gemeinsame Pilgerzeit angestoßen. Ganz nebenbei gibt es heute ein ganz persönliches Jubiläum: Heute überschritt ich die imaginäre 1000 Kilometer Grenze. Wahnsinn. 1000 Kilometer sind für mich eine schwer greifbare Zahl. Die Entfernung von München nach Hamburg und von der Hansestadt beinahe bis vor die Tore Leipzigs.

Maria fehlte leider in der Runde. Sie bleibt oben im Zimmer und sorgte sich um die Gesundheit ihrer Beine. Sie möchte einen Tag länger in Espalion bleiben und es sich von einem Arzt anschauen lassen. Durchaus verständlich, aber sehr schade. Ich habe gerne die Zeit mit ihr verbracht. Gesundheitliche Beschwerden und Blessuren machen den Leuten auffällig oft zu schaffen. Gott sei Dank blieb ich seit längerer Zeit davon verschont.
Hallo David, ich kenne das, wenn ich die Erlebnisse und Gedanken nicht sofort aufschreibe, fällt es mir später auch schwer, mich an alle Details zu erinnern. Die wichtigsten Erinnerungen bleiben aber doch haften. An den Unterstand mit den Getränken kann ich mich auch noch erinnern. War der nicht in einem Weiler, ca. 4 Kilometer nach Saint-Chely? Da habe ich übernachtet. Espalion hat mir auch gut gefallen, Estaing fand ich aber noch schöner. Liebe Grüße
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