Die ersten Schritte entpuppen sich als Frühsport. Es sind kurze, aber knackige 200 Meter in die Höhe. Das Wetter ist angenehm warm.

Der erste erwähnenswerte Ort wird nach 17 Kilometern erreicht: Limogne-en-Quercy. Auf einer Steinmauer in der Dorfmitte lasse ich die Beine baumeln und breite die Verpflegung aus. im Laufe der Zeit sollte ich gelernt haben, dass in Frankreich eine Mittagspause der Geschäfte nicht unüblich ist. Trotzdem habe ich es heute wieder nicht im Blick und stehe ich vor einem geschlossenen Lebensmittelladen. Danach besuche ich die Kirche und möchte ein paar Postkarten schreiben. Vor einem Haus werkelt ein Mann. Ich bitte ihn um einen Stift. Unerwartet spricht er bruchstückhaft deutsch. Während ich mich meiner Postkarten widme, begibt er sich kurz ins Haus und kommt mit einer kleinen Karte zurück auf die Straße. Mit zittriger Stimme und Tränen in den Augen erzählt er mir, dass seine Frau vor einiger Zeit verstarb. Er reicht mir die Trauerkarte und bittet mich, in Santiago eine Kerze für seine Frau anzuzünden. Er wäre den Weg auch selber gegangen, aber er sei schon zu alt und würde es nicht mehr schaffen. Die Karte bewahre ich bei meinen übrigen Dokumenten im Zipperbeutel auf, um sie vor Schmutz und Nässe zu schützen. Ich fühle eine große Verantwortung, seine Bitte zu erfüllen. Diese Begegnung beschäftigt mich noch eine ganze Weile. Der Mann schenkt einer unbekannten Person sein Vertrauen und offenbart seine persönlichsten Gefühle mit der Hoffnung, dass ihm ein Herzenswunsch erfüllt wird. Bei dem Gedanken kommen mir vor Rührung die Tränen. Bis jetzt war ich für mich und meine eigenen Beweggründe unterwegs. Heute ist eine weitere Motivation hinzugekommen. Ich laufe nicht mehr nur für mich, sondern auch für einen trauernden Franzosen aus Limogne-en-Quercy.

Vor der Gite d’Etape Clos des Escoutilles hängt ein Schild über einem Stuhl. Im Moment sei keiner da, aber Küche und Sanitäranlagen dürfen schon verwendet werden. Nach dem Zimmerbezug und der Dusche finde ich im einzigen Lebensmittelladen eine Dose Cassoulet für das Abendbrot. Vor einer anderen Gite treffe ich Fabien. Ein Mann mit kräftiger Statur und doppelt so breit wie ich. Wir sind uns schön öfter beim Laufen und in den Unterkünften begegnet. Morgen läuft er 33 Kilometer bis Cahors. Eigentlich wollte ich zwei kürzere Etappen ohne Übernachtung in Cahors laufen. Nun komme ich ins Grübeln, ob ich es nicht nochmal überdenken sollte.
Abends esse ich mein Cassoulet am Tisch mit den deutschen Pilgern Michael und…Mist…schon wieder einen Namen vergessen. Das 5-Bett-Zimmer bewohne ich heute nur mit einem weiteren Franzosen, der mir für meine Routenplanung sein Miam miam Dodo leiht.