Gegen das tief-dumpfe und scheinbar alles durchdringende Schnarchen von Roland, der über mir auf dem Etagenbett lag, war in der Nacht sogar die Musik aus meinen Kopfhörern machtlos. Roland teilt meine Überlegung die Etappe bis nach Lauzerte zu planen und ich ziehe deshalb ernsthaft in Betracht, ein paar Kilometer mehr auf mich zu nehmen und bis Moissac zu gehen. Ich habe nichts persönliches gegen Roland, aber gegen einen erholsamen Schlaf tausche ich unsere Unterhaltungen gerne. Letztendlich sind 39 Kilometer – auch unter Berücksichtigung der warmen Temperaturen – doch eine Hausnummer zu viel. So bleibt es bei entspannten 14 Kilometern, die ich dementsprechend gemütlich angehe. Philippe hingegen scheint heute schon in aller Herrgottsfrühe auf den Weg nach Moissac aufgebrochen zu sein.
Noch vor dem Mittag setze ich mich auf die Picknick-Bank vor einer Kirche und widme mich meinem Tagebuch. Das Schreiben habe ich in den letzten Tagen leider gehörig vernachlässigt.
Die Wettervorhersage bestätigt sich. Bei meinem hellen Hauttyp gehe ich kein Risiko ein und creme mich in regelmäßigen Abständen mit der Sonnenmilch ein. Die Erinnerung an meinem letzten Sonnenbrand sind noch zu präsent, als das ich im wahrsten Sinne des Worte etwas „anbrennen“ lassen möchte.
Nach etwa 5 Stunden erreiche ich den Ortseingang von Lauzerte. Vor einem Intermaché telefoniere ich mit der Herbergsmutter, um zu fragen, ob es in der Gite Abendbrot angeboten wird. Es stellt sich heraus, dass sie gerade in gleichen Intermarché ihren Einkauf erledigt, vor dem ich stehe. Ich reiche ihr zur Begrüßung die Hand. Sie aber umarmt mich mit den Worten „So macht man das in Frankreich“ und gibt mir zwei Bussis. Ich lehne das Angebot, mich mit dem Auto zur Gite mitzunehmen, dankend ab. Im Intermarché fällt mein Blick auf eine Trinkflasche aus Metall. Bisher füllte ich meine Plastikflasche mit Wasser auf, worunter mit der Zeit der Geschmack litt und seltsam modrig schmeckte. Vorsorglich besorge ich mir eine neue Tube Sonnencreme. In Spanien soll sie sehr viel teurer sein.
An Zeit mangelt es mir in den Mittagsstunden nicht. Die Gite öffnet erst 15 Uhr. Mit Baguette, Camembert und Salami setze ich mich vor dem Einkaufsmarkt und lasse meine Füße zu Ruhe kommen. In diesem Moment fühle ich eine absolute Zufriedenheit. Habe ich dieses Gefühl jemals so stark empfunden? Ich kann mich nicht daran erinnern. Von Früh bis Spät die Zeit an der frischen Luft verbringen. Jeden Tag neue Orte kennenlernen. Und diese Freiheit. Sich um nichts anderes kümmern zu müssen, als um etwas Essen, ausreichend Wasser und einem Schlafplatz für die Nacht: Walk, eat, sleep, repeat. In meinem Kopf lasse ich fast vergangenen zwei Monate revue passieren. Das ich überhaupt dort bin, wo ich jetzt bin. Die Hälfte der via Podiensis liegt schon hinter mir. Wie sich Tag für Tag eine immer größer werdende Routine entwickelt hat und sich Abläufe verfestigten. Ich bin auf dem Jakobsweg angekommen. Und ich habe keine Zweifel mehr: Ich werde auch in Santiago ankommen.