Tag 54: Saint-Antoine – Lectoure

Seit mehreren Tagen stehen morgens vor den Hotels und Pensionen immer mal wieder Kleintransporter, die von manchen Pilgern gebucht werden, um ihr Gepäck von einem zum anderen Ort zu bringen. Solche Dienstleistungen haben durchaus ihre Daseinsberechtigzng für Menschen, die aufgrund des Alters, einer Krankheit oder Behinderung ohne diese Hilfe den Jakobsweg nicht gehen könnten und darauf angewiesen sind. Wenn es aber genutzt wird, um sich eine Erleichterung zu verschaffen und um in der eigenen Wohlfühlzone zu bleiben, dann halte ich sehr wenig davon. Dann bleibt für mich ein großer Teil der Sinnhaftgkeit auf der Strecke. Natürlich kann man jetzt wieder darüber diskutieren, was „wahres pilgern“ bedeutet und was darunter verstanden werden kann. Ich weiß nur, was es meiner Ansicht nach nicht bedeutet. Es bedeutet nicht, den Jakobsweg zu „buchen“, als wäre es eine All-Inklusiv-Reise. Mit einem Reiseleiter, mit Gepäcktransport mit den besten Hotels und dem Rundum-Sorglos-Paket für ein unbeschwertes pilgern. Denn genau das ist es nicht. Das ist allenfalls Jakobsweg-Tourismus.


Beim Laufen bekomme ich ein Bewusstsein, wie sehr der Frühling in den vergangenen Wochen Einzug in die Natur gehalten hat. Zeigten sich die Weinberge im April noch kahl, so wachsen bereits die ersten Blätter am Gehölz. Die Natur wird grüner und die Getreidefelder schießen in die Höhe. Obwohl das Wetter gut ist, sorgen matschige Passagen in den schattigen Wäldern für ein sehr schmutziges Schuhwerk. Abermals muss ich die Qualität meiner Lowa Renegade lobenswert hervorheben. Nach knapp 1200 Kilometern befinden sie sich noch immer in einem einwandfreien Zustand. Nach wie vor sind sind sie absolut wasserdicht, bequem und die Sohle weist nur einen kleinen Abrieb auf. Gegen Ende der Etappe begegne ich Fabien, mit dem ich nach Lectoure einlaufe. Ich finde es bei jeder Begegnung mit Ihm ein Stück mehr bedauerlich, dass uns die Sprachbarriere daran hindert, mich mit ihm so unterhalten zu können, wie ich es gerne würde. Ich glaube, wir es gäbe richtig gute Unterhaltungen.

In Lectoure steht am Ende der Hauptstraße ein Banner: „1er Salon Antiquites Brocante“. Dahinter befindet sich das „Village des Brocateurs“, ein großes Anwesen mit begrünten Innenhof. In diesem ehemaligen Krankenhaus fand eine Mischung aus Antiquitäten- und Trödelmarkt mit allerlei Kuriositäten sein neues zu Hause. Im Inneren sind die Zimmer mit allem möglichen skurrilen Kram vollgestellt. Für einen Laien ist der Unterschied zwischen wertvollen Gegenständen und unnützen Gerümpel nur schwer zu erkennen. Und noch etwas überfordert mich: kein einziger Gegenstand ist bepreist. Vielleicht muss mit dem Handeltreibenden direkt der Kontakt gesucht und gefeilscht werden. Ich sehe aber auch keinen erkennbaren Inhaber. Hinter vielen Sachen verbergen sich sicherlich spannende Geschichten. Nach einer halben Stunden des Staunens schlendere ich zurück zur Touristeninfo.

Auf die Minute genau stehe ich vor der Presbytère de Lectoure, dem Pfarrhaus gegenüber der Kathedrale auf der anderen Straßenseite. Einen Friseursalon habe ich schon ausfindig gemacht. Ein neuer Haarschnitt ist erforderlich und der Bart macht einen zunehmend barbarischen Eindruck. Doch der erste Coiffeur weißt mich in Ermangekung freier Termine ab. Beim Zweiten habe ich mehr Glück. Mit frisch geschnittenen Haupthaar und gestutzten Bart sitze ich am Abendtisch. Die Hospilateros sind sehr freundlich. Auf einem Tisch steht mein vorbereitetes Highlight für das Frühstück: Cornflakes. Im Bett checke ich meine Facebook-Nachrichten. Maria hat mir geschrieben. Sie ist weiterhin eine Tagesetappe vor mir. 

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