Tag 57: Eauze – Nogaro

Als ich die Augen öffne, steht Etienne in voller Pilger-Montur vor mir und verabschiedet sich. Es ist kurz vor 07:00 Uhr und die Etappe nach Nogaro ist mit 20 Kilometern kurz gehalten.Wie früh möchte er denn da ankommen? Die beiden anderen Franzosen aus dem Zimmer sind ebenfalls schon aufgebrochen. Nur Fabien ist noch mit Sachen packen beschäftigt, als ich langsam munter werde. Bloß keine Hektik aufkommen lassen. Eine Stunde später verlasse ich die Gite, entsorge die durchgelaufenen Socken und löchrigen Unterhosen, stecke die Postkarte für meine Frau in den Briefkasten und kaufe mir für das Frühstück ein Baguette.

Ab und zu laufen mir ein paar bekannte Gesichter über den Weg, doch über den Tag verteilt sind kaum andere Pilger zu sehen. In Mancien – den ersten und einzigen Ort auf dem Weg nach Nogaro hole ich mir wieder ein Baguette und geselle mich zu einem deutschen Trio auf eine Picknickbank. Bei der Wärme bereue ich es fast, mir in Eauze keine Mütze mit Nackenschutz gekauft zu haben. Vielleicht bietet sich dafür in Nogaro eine zweite Chance. Ein Pilger mit Hund läuft an uns vorbei. Ich kenne ihn. Er ist Belgier und übernachtet mit mir in Condom. Meiner Mittagsbekanntschaft fällt auf, dass sein Hund alles andere als einen guten gesundheitlich Eindruck macht.

Nach 15 Minuten ist die Rast beendet. Den letzten Kilometer bis nach Nogaro laufe ich mit einer Französin, die ich aus der gestrigen Gite kenne. Es ist eine kurze Unterhaltung. Während ich zur Touristeninformation laufe, wartet sie bei einer Parkbank auf zwei Bekannte, um noch einen Ort weiter zu gehen. Die Touristeninfo öffnet erst in einer Stunde. Einen konkreten Grund gibt es nicht, um auf die Öffnung der Touristeninformation zu warten. Deshalb gehe ich geradewegs zur Gite. Dort ist zwar auch noch niemand anzutreffen, aber im Innenraum kann der Rucksack abgestellt und die Toilette benutzt werden. Auf der Wiese vor der Gite finde ich ein schattiges Plätzchen unter einem Baum. Mein verschwitztes T-Shirt und die heißgelaufenen Socken trocknen in der Sonne. Die neuen Wandersocken haben am ersten Tag einen richtig guten Eindruck gemacht. Sie sind aus einem etwas dickeren Stoff und sorgte mich darum, dass sie eventuell zu warm seien. Die Befürchtung stellte sich zum Glück als unberechtigt heraus. Auf dem Weg zur Gite komme ich an einem großen Carrefour und an Aldi vorbei. Verhungern werde ich heute jedenfalls nicht. Beim Warten verwickelte mich eine ältere deutsche Dame in ein Gespräch. Stolz erzählt sie mir, dass sie gestern Geburtstag hatte und 79 Jahre alt wurde. Also das ist ’ne Leistung, in diesem Alter den Jakobsweg zu laufen.

Als die Gite öffnet stehe ich als Erster vor dem Eingang und schnappe mir eins von insgesamt zwei Betten, neben denen sich eine Steckdose befindet. Die 12 Betten stehen kreisförmig in einem großen Raum. Erst wasche ich mich, dann die Kleidung und hänge sie schließlich unter der noch immer glühenden Sonne auf. Es würde nicht lange dauern, bis sämtlicher Stoff knochentrocken ist. Sonnencreme ist nun als ständiger Begleiter wichtiger denn je. Einen Sportladen finde ich in der Stadt nicht. Stattdessen begrüßen mich auf der Terrasse eines Restaurants zwei Pilger. Sie scheinen mich zu kennen. Ich erinnere mich nicht und es ist mir sehr unangenehm. Es sind so viele Namen und Gesichter, die man nur mal für einen oder zwei Abende sieht. Mir fällt es schwer, mich ad-hoc an manche Leute zu erinnern. Wie machen es die anderen Pilger nur? Habe ich so ein schlechtes Gedächtnis? Michelle und Christian sind ihre Namen. Zumindest das habe ich mir nun gemerkt. Der Trip in das Zentrum bringt mir folgende Erkenntnisse: Keine Sportgeschäfte, keine interessanten Restaurants und keine schönen Postkarten. Dafür komme ich an der ersten Stierkampfarena vorbei. Solche und andere Anzeichen deuten langsam darauf hin, dass die spanische Grenze nicht mehr allzu weit entfernt liegt. Auf dem Rückweg zur Gite gehe ich in den Supermarkt und kaufe mir eine Tiefkühlpfanne mit Kartoffeln und Gemüse. Im Gegensatz zu anderen Tagen hatte ich vorsorglich in der Gite nach Pfannen geschaut. Falls das als Sättigung nicht reicht (tatsächlich habe ich ein paar Stunden später schon wieder bisschen hunger) gibt es noch Baguette, Wurst und Käse. Kekse dürfen auch nicht fehlen. Es war ein Wettrennen gegen die Zeit und die Sonne, um die Tiefkühlkost schnellstmöglich in den Kühlschrank der Gite zu bekommen.

In der Gite machte ich Bekanntschaft mit einer deutschen Frau, die aus Würzburg gestartet ist. Sie erzählt mir von ihren bisherigen Erlebnissen und wir tauschen unsere Erfahrungen aus. Am Abend bringe ich mein Tagebuch so gut wie auf den tagesaktuellen Stand. Nebenan trainiert Nogaros Rugby-Mannschaft und ich schaue dem sportlichen Treiben zu. Ich wundere mich über Etienne´s fernbleiben, da er heute auch in Nogaro schlafen wollte.

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