Tag 3: Perl – Saint-Marguerite

Ein leichter Nieselregen klopft auf das Zelt. Es ist noch Dunkel. Es ist 06:30 Uhr. Ich komme in Versuchung, den Reißverschluss des warmen Schlafsacks bis unter das Kinn zu ziehen. Doch ich tue gut daran, die Sachen im Rucksack zu verstauen, ehe der Regen zunimmt. Meine Gastgeber sind an diesem Sonntag vermutlich noch nicht auf den Beinen. In keinem der Fenster brennt Licht. Die persönliche Danksagung muss entfallen. Wenigstens ein „vielen Dank“ schreibe auf eine Serviette und lege sie in den mir zugänglichen Geräteschuppen. Ich notiere mir die Adresse, um der Familie eine Postkarte aus Santiago zu schicken.

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Auf Wiedersehen, Deutschland

Perl ist die letzte Ort vor der Landesgrenze nach Frankreich. Nach dem Ortsausgang erreiche ich den Kreisverkehr am Dreiländereck, bei dem die Straßen aus Deutschland, Frankreich und Luxemburg zusammenführen und sich die frei Länder kreuzen. Das europäische Museum in Schengen – Stichwort „Schengener Abkommen“ – wäre sicherlich einen kleinen Umweg wert gewesen. Ich möchte mir aber nicht gleich zu Beginn zusätzliche Kilometer aufbürden und erstmal ein Gefühl für die Etappenlängen bekommen. Bei der Überquerung der Landesgrenze empfängt mich mit dem Apacher Eiffelturm eine Miniaturausgabe des Pariser Originals. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht der „Bücherschrank im Dreiländereck“. Es ist ein ehemaliges Zollhäuschen, welches in eine unbemannte Minibibliothek umgestaltet wurde, die – für jedermann zugänglich – zum schmökern einlädt. Sogar ein Sessel zum verweilen ist aufgestellt, in dem es sich Leseratten gemütlich machen können. Der Bücherschrank ist einer der Wenigen, der von Bürgern aus verschiedenen Ländern genutzt wird.

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Bonjour France

So regnerisch wie der Tag begann, setzt er sich fort. Nach wie vor begleitet mich zur rechten Hand die Mosel bis nach Sierck-les-Bains. Dort komme ich mit einem Franzosen ins Gespräch. Er möchte im nächsten Monat ebenfalls den Jakobsweg ab Le Puy-en-Velay gehen. Vielleicht begegnen wir uns eines Tages wieder. Es ist Sonntag und ich bin deshalb von de geöffneten Touristeninformation positiv überrascht. Ich schicke meine ersten Postkarten nach Hause. Die einzige Pension in Vrecking ist voll belegt. Da hilft auch die telefonische Nachfrage der Dame hinter der Rezeption nicht. Es ist Zeit für einen Plan B.

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Miniatur-Eiffelturm an der Landesgrenze

Von Sierck-les-Baines nach Montenach verläuft die Strecke vorwiegend durch ein idyllisches Waldstück und entlang eines Flusses. Beim darauffolgenden Aufstieg tropfen erstmals Schweißperlen von der Stirn. Nach Luft schnappend fällt es schwer, sich auf die schöne Natur zu konzentrieren. Eine Stele verrät, was noch vor mir liegt: 2200 Kilometer bis Santiago.

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Noch 2200 Kilometer. Ermutigend.

Die Wegmarkierungen sind rar gesät und die Wegbeschreibungen aus dem Buch schlicht zu ungenau, um sich ausschließlich nach ihnen orientieren zu können. Wieder einmal bin ich für meine Handynavigation dankbar, die mir gute Dienste erweist. Der ein oder andere falsch gelaufene Kilometer wäre mir sicher gewesen.

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malersiche Waldpassage

Am Nachmittag nimmt der Regen zu. In Saint-Marguerite ist für heute nach 18 Kilometern Schluss laufen. In der Pension von Madame Bolding-Keller bekomme ich ein kleines und einfaches Zimmer. Mehr braucht es nicht. Unter der heißen Dusche überkam mich ein wohlig-warmes Glücksgefühl. Eine weitere ungeduschte Nacht wollte ich mir nicht vorstellen. Abends sitzen wir bei einer Flasche Bier und einem Glas Wein in der Küche und unterhalten uns. Vergangenne Nacht übernachteten bei ihr zwei deutsche Frauen mit einem Hund. Vielleicht treffen wir bald aufeinander. Madame Bolding-Keller reserviert mir für Morgen ein Zimmer in Vigy.

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