Tag 9: Toul – Vaucouleurs

Die nächtliche Erholung tat mir sichtlich gut. Und obwohl meinem Körper die Strapazen der gestrigen 38 Kilometer noch spürbar anzumerken sind, fühle ich mich ausgeruhter und optimistischer in die Zukunft blickend. Der sonst so phrasenhafte Ratschlag „Schlaf doch mal eine Nacht drüber“ half ein bisschen. Meine Frau riet mir, die wund gescheuerten Stellen mit Taschentücher abzudecken. Einen Versuch ist es wert. Zumal keine Möglichkeit ungenutzt gelassen werden sollte. Ich klemme mir ein Taschentuch zwischen die Pobacken und zwei Taschentücher in die Unterhose. Und obwohl die Taschentücher ab und zu wieder in die richtige Position gerückt werden müssen, erfüllt die provisorische Maßnahme ihren Zweck erstaunlich gut. Ich besuche die Kathedrale von Toul und die daneben stehende Touristeninformation. Gestern Abend stand ich an gleicher Stelle vor verschlossenen Türen. Mit einem weiteren Pilgerstempel und ein beschriebenen paar Postkarten verlasse ich die Stadt.

Mein heutiges Etappenziel lautet Vaucouleurs. Im Vergleich zum gestrigen Tag scheinen die 22 Kilometer ein lockerer Spaziergang zu werden. Sofern ich den Weg aus der Stadt finde. Wie zuvor in Trier und Metz habe ich da so meine Schwierigkeiten. Ich achte nicht sorgsam genug auf die Markierungen und übersehe ein paar Muschelzeichen, ehe ich meinen Fehler erkenne und wieder auf den richtigen Weg komme. Einmal aus der Stadt herausgefunden verläuft die weitere Wegfindung ohne Probleme. Über eine Stunde schnurstracks durch ein Waldgebiet, über Wiesen und Feldern und auf immer matschiger werdenden Wegen.

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Land unter

Vaucouleurs befindet sich nicht direkt auf dem Jakobsweg. In Chalaines verlasse ich deshalb an einer Wegkreuzung die Streckenführung und erreiche nach einer Viertelstunde das kleine Hotel „Lor’N Hotel“. Mit einem kleinen Augenzwinkern versuche ich beim Inhaber einen kleinen Rabatt herauszuschlagen. 45€ für eine Übernachtung kann ich mir auf Dauer nicht leisten. „Ich bin ein Pilger mit einem kleinen Budget…“, beginne ich meine Bitte, „…und mit einem langen Weg nach Santiago de Compostela. Gibt es für mich einen speziellen Pilger-Rabatt?“ Der Hotelier hält kurz inne und lässt den Aufpreis für das Frühstück entfallen. Merci beaucoup.

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Steinmännchen im Wald

Das Zimmer genügt meinen Pilgeransprüchen im vollem Umfang. Das Hotelzimmer aus Toul übertrifft es in Größe und Sauberkeit und liegt – für den gleichen Preis – auf der Wohlfühl-Skala in einer anderen Dimension. Das sind wohl die gewöhnlichen Unterschiede bei einer Übernachtung in einer Kleinstadt mit 16.000 Einwohnern und einem 2000-Seelen-Ort. Drei weitere Pilger hätten sich für heute angemeldet. Mitpilger sind nach wie vor eine Rarität und deshalb bin ich sehr gespannt auf das Treffen. Frisch geduscht folge ich der Straßenwerbung zum Supermarkt. In den Regalen fällt mein Blick auf ein 2-er Pack weißer Slips. Anfällig für Schmutz und Schweißflecke und optisch eher nicht zu bevorzugen. Aber das ist im Moment mein kleinstes Problem und setze große Hoffnung in diese Investition. Sie sollen den nötigen Halt im Schritt geben das Reiben an den Oberschenkeln reduzieren. Der Kauf gestaltet sich schwieriger als anzunehmen wäre. Im Regal hängen zwei Bügel ineinander verhakt. Ich löse sie voneinander und lege einen davon zusammen mit einem Baguette, einer Salami und einem Camembert auf das Warenband. In der letzten Woche standen diese Lebensmittel häufig auf meinem Speiseplan. Sie sind günstig, sättigend und werden von mir auch als Tagesproviant verwendet. Sie müssen nicht gekühlt werden, sind wiederverschließbar und laufen nicht aus. Es ist eine etwas einseitige Ernährung. Solange sie mir die nötige Energie bringt, habe ich keine höheren Ansprüche.

Am fehlenden zweiten Slip stelle ich in der Pension fest, dass die zwei ineinander verhakten Bügel wohl zusammengehörten. An der Kasse des Supermarktes versuche ohne Erfolg mein Missgeschick zu erklären. Mit größtmöglichen Einsatz stehe ich vor der Kassiererin: „Je paie pour DEUX Slips, mais j’ai UN Slip. Je veux le deuxieme, s’il vous plait“, und hebe zwei Finger, um meiner Aussage zu verdeutlichen. Vermutlich treiben diese Sätze meine ehemaligen Französischlehrern die Tränen in die Augen. Mit verdutzten Blick werde ich hinter der Kasse angeschaut. Hinter mir sammelt sich allmählich die wartende Kundschaft. Eine Kundin spricht zum Glück Englisch und fungiert als Dolmetscherin. Somit ist sowohl die Verkäuferin, als auch die 10 Personen in der Warteschlange bestens über mein Anliegen informiert. Ich hole den zweiten Bügel aus dem Regal und als hätte ich mich nicht schon genug zum Trottel gemacht, ist es die falsche Größe. Ich war wohl nicht die erste Person, die die Zusammengehörigkeit der Bügel nicht erkannte. Die Unterhose wird auf dem Warenband ausgebreitet und von mittlerweile zwei Verkäuferinnen lautstark mit verschiedenen anderen Unterhosen aus dem Regal verglichen. Hinter mir wächst die Warteschlange unaufhörlich weiter. Kurz überlege ich, einfach zu gehen. Hauptsache weg von dieser Peinigung. Ich möchte so schnell wie möglich dieser abartig unangenehmen Situation entkommen. Doch ich schaue tapfer dem Treiben zu und hoffe auf ein baldiges Ende. Als der passende Slip gefunden wurde, habe ich nur noch die Ausgangstür im Auge.

Vaucouleur identifiziert sich – wie viele andere Orte in der Umgebung – mit der französischen Nationalheldin Jeanne d’Arc, die im wenige Kilometer entfernten Domremy geboren wurde. Auf dem Weg zum Hotel fällt mir vor dem Rathaus ein in Bronze gegossenes Reiterstandbild von Jeanne d’Arc ins Auge.

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Die berühmteste Französin neben Madame Tussaud: Jean d’Arc

Die anderen Pilger haben ihre Übernachtung abgesagt. Das ist sehr Schade. Im Hotelzimmer läuft eine französische Folge der Simpsons, während ich die Sachen für Morgen packe. Danach begebe ich mich ins Bett. Für heute war es genug Aufregung.

3 Kommentare zu „Tag 9: Toul – Vaucouleurs

  1. Das mit den Unterhosen kann Ich getrost abhaken, in meiner Zeit der vielen Marathonläufe habe Ich gelernt, welche Unterhosen ich tragen darf und welche nicht. Hängt bei mir nicht nur von der Form, sondern auch vom Material ab.
    Woher hattest du die Übernachtungsadresse? Aus einem
    Pilgerführer ?

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    1. Meiner Meinung nach ist auch die Form der Unterhose ein entscheidender Faktor. Sehr gut sind diejenigen, die eng Anliegen, aber auch eine größere Aussparung für das Gemächt haben, das umschlossen wird. So kann zumindest keine Haut-an-Haut-Reibung passieren.

      In Vaucouleurs habe ich im Lor’N Hotel geschlafen. Gefunden hatte ich die Unterkunft bei booking.com. Die App auf meinem Handy war eine sehr hilfreiche Unterstützung. Ein gemütliches Hotel mit einem sehr freundlichen Hotelier.

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      1. ja David, ganz genau. Ich laufe meine langen Distanzen auch nur in engen Tights, nachdem ich einmal in einer ganz normalen Laufhose mir alles wundgescheuert hatte. Seitdem nie wieder. Das mit der Booking.com ist bestimmt eine gute Sache, die habe ich auch schon. Ich versuche auf der anderen Seite soviel wie möglich „verifizierte“ Unterkünfte bis zu meiner Abreise zu finden, die schon jemand positiv beschrieben hat. Am Ende wird es aber immer darauf ankommen, wie weit ich jede Tag komme

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