Ausgestattet mit zwei Bananen und einem Apfel als Frühstückproviant humpel ich Richtung Contrexeville. Meinem Bein geht es nicht besser. Es ist eine neue Erfahrung, dass eine Blessur über Nacht keine Linderung erfährt. Ich bandagiere das Sprunggelenk mit einer Mullbinde und hoffe, dass sie zur Stabilisierung beiträgt. Vielleicht sollte sich das mal ein Arzt genauer ansehen. In der Nähe von Contrexeville gibt es ein Krankenhaus. Wenn die Schmerzen im Laufe des Tages nicht besser werden und mich weiterhin derart beeinträchtigen, dann ist eine genauere Untersuchung wahrscheinlich unvermeidbar. Obwohl der Arzt auch nichts weiter machen wird, als eine Regeneration zu empfehlen. Die Pause kann ich auch ohne ärztliche Behandlung und ohne den damit verbundenen Kosten einlegen.
Ich experimentiere mit verschiedenen Laufmethoden, um herauszufinden, welche die Schmerzen beim Gehen so gering wie möglich hält. Der Schmerz ist weniger stark, wenn der Fuß beim Auftreten überwiegend auf der Außenseite belastet und die Innenseite entlastet wird. Ist es möglich, dass die Beschwerden durch eine Fehlstellung des Fußes verursacht werden, die der Orthopäde einen Monat vor Beginn meiner Reise erwähnte? Die benötigten Schuheinlagen zur Behebung der Fehlstellung konnte ich aus zeitlichen Gründen nicht mehr abholen. Hoffentlich rächt sich das nicht. Mit meiner Lauftechnik bleibe ich vorerst Beschwerdefrei und konnte fast ungehindert laufen. Nur bergab ist es mühsam. Ein permanenter Schmerz ist zwar zu spüren und der Fuß wird besser nicht mit dem vollen Körpergewicht belastet, aber es ist keine starke Behinderung. Erst auf den letzten Kilometern nach Contrexeville erinnert mich das Stechen daran, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmt. Ausgerechnet Morgen muss ich 39 Kilometer laufen. Im Outdoorbuch steht,dass es sich um eine dünn besiedelte Region ohne Unterkünfte handelt. Wenn das nicht schon genug Strapazen für die geschundenen Füße wären, stünde mir zwei Tage später eine weitere Etappe mit einer Länge von 35 Kilometern bevor. Wie soll ich das denn schaffen? Daran ist im Moment nicht zu denken.

Contrexeville für seine Thermalbäder bekannt. Einen dementsprechend touristischen Eindruck erweckt das gemütliche Städtchen. Der Eindruck mag täuschen, aber gefühlt besteht Contrexeville ausschließlich aus Hotels, Restaurant, einem Casino und Thermalbäder.
Im Hôtel des XII Apôtres werde ich vom Hotelier auf Deutsch begrüßt. Was für eine Überraschnung! Ein älterer, aber noch sehr rüstiger Herr, der sich liebevoll um das Wohl seiner Gäste kümmert. Hier fühle ich mich sofort gut aufgehoben. Kaum habe ich das Hotel durch den Eingang betreten, stehe ich im Restaurant. Sofort springt er von seinem Stuhl, um mir meinen Rucksack abzunehmen. Ich nehme Platz, bekomme ein Glas Wasser und ein Stück Früchtetorte auf Kosten des Hauses serviert. Nach der Dusche lege ich mich aufs Bett und grübele über die nächsten Tage.
Möglichkeit 1: Auf die Zähne beißen. Morgen 38 Kilometer gehen und die zweite lange Strecke fahren.
Möglichkeit 2: Ein bisschen auf die Zähne beißen. Morgen die erste Teilstrecke mit dem Taxi fahren und nur 17 Kilometer laufen. Die Fahrt würde etwa 37€ kosten. Die günstigere Alternative wäre der Bus statt des Taxis gewesen. Blöd nur, dass er während des Schulferien nur in den Abendstunden verkehrt.
Möglichkeit 3: Komplette Entlastung. Die nächsten beiden Etappen überspringen und bis Bourbonne-les-Bains mit dem Taxi fahren. Kosten etwa 63€.
Mit der zweiten Möglichk kann ich mich am ehesten anfreunden. Meine Frau sieht das bei unserem Telefonat gänzlich anders. Eine komplette Laufpause sei doch sehr viel sinnvoller. Ich höre auf ihren Rat und lasse für morgen Vormittag ein Taxi von Contrexeville nach Bourbonne-les-Bains bestellen. Bei mir macht sich eine große Enttäuschung breit, einen Teil des Weges fahren zu müssen. Nun kann nicht mehr behauptet werden, den gesamten Weg von Trier gelaufen zu sein. Nun hat es immer einen „aber…“-Zusatz. Nichtsdestotrotz ist es besser, morgen die knapp 70 Kilometer zu fahren. Aus gesundheitlicher Sicht ist es einfach klüger, um nicht die weitere Reise zu gefährden.
Ich mag Pizza. Und besonders gern mag ich Pizza Calzone. Die Speisekarte überfliege ich daher nur flüchtig und bestelle die gefüllte Pizzatasche. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mir die Frage stelle, ob ich mir insgesamt nicht zuviel Luxus gönnte. Fast jede Nacht liege ich in einem weichen Bett, anstatt das Zelt aufzuschlagen und anstelle eines Supermarktes besuche ich öfter ein Restaurant. Sah ich im minimalsitischen Lebensstil nicht immer den Sinn und die Herausforderung des Pilgerns? Mache ich es mir zu einfach? Oder sei es mir einfach mal gegönnt?
Seit 12 Tagen bin ich auf dem Jakobsweg unterwegs. Gespräche und zwischenmenschliche Kontakte vermisse ich am Meisten. Besonders nach einem anstrengenden Tag fühle ich mich abends auf meinem Zimmer sehr einsam. Hoffentlich treffe ich ab Langres auf Mitpilger. Es muss ja nicht jeder Schritt zusammen gegangen werden. Aber schon zu wissen, dass man nicht alleine auf diesem Weg ist, wäre ein schönes Gefühl. Sich hin und wieder zu begegnen und sich auszutauschen. Jemanden zu haben, der einen aufmuntert und Mut zuspricht, wenn man es benötigt. Die schönen und auch anstrengenden Momente gemeinsam durchleben zu können.
Beim Blick in meine Fotogalerie auf dem Handy stelle ich fest, dass ich in letzter Zeit weniger Fotos als zu Beginn mache. Vielleicht liegt es daran, weil sich sich die Landschaften und Motive in der Gegend gleichen und eine Art von Gewöhnungseffekt eingetreten ist. Zu Beginn konnte ich mich nicht satt sehen. Wälder, die grünen Hügel, die weite Landschaft. Alles wiederholt sich irgendwann immer wieder. Das Außergewöhnliche wurde zum Gewöhnlichen. Mein Gemütszustand scheint sich wie ein Schleier über meine Denkweise zu legen
Ich möchte nicht nicht hier sein. Aber an diesem Abend wäre ich gerne zu Hause.
ich fühle jetzt schon mit dir und hoffe ich werde deine Worte im Mai als Ermunterung verstehen, wenn ich auf diesem Abschnitt bin.
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