Tag 19: Dijon – Nuits-St.-Georges

Eine ungeahnte Kälte schlägt mir entgegen, als ich mich nachts um drei Uhr aus den Schlafsack schäle und nur mit Unterhose und T-Shirt 50 Meter vom Zelt zur Toilette laufe. Ich kann mich nicht erinnern, wann mein Körper jemals so sehr zitterte. Wieder zurück im Schlafsack wollten die Füße gar nicht mehr warm werden. Am nächsten Morgen fasse ich den Entschluss, das Zelt samt Schlafsack und Iso-Matte nach Hause zu senden. Die nächtlichen Temperaturen sind im April zeitweise noch zu ungemütlich. Außerdem hat die Isomatte einen Defekt und verliert Luft, sodass ich morgens nahezu auf dem Boden liege. Über ein 2 Kilogramm leichteres Gepäck beschwere ich mich auch nicht.

Auf dem Postamt gestaltet sich die Versandabwicklung schwieriger als angenommen. Selbst für das größte Paketformat erweisen sich die Zeltstangen als zu sperrig. Ein ordnungsgemäßes Schließen des Paketes ist nicht möglich. Erst als die Zeltstangen aus dem Beutel genommen und lose ins Paket gelegt werden, kann der Versand von statten gehen. Er schlägt mit 22€ zu Buche.

Mir fehlt immer noch mein Pilgerstempel und ich versuche mein Glück erneut bei der Kathedrale Saint-Bénigne. Im Inneren ist ein kleiner Tisch mit Souvenirs aufgebaut. Dort wird mir vom Verkäufer der Stempel in mein Pilgerausweis gedrückt. Die beiden Vorhaben nehmen den gesamten Vormittag in Anspruch. 11 Uhr verlasse ich die Stadt. An der Stadtgrenze kommt es zu einem fast übergangslosen Wechsel vom städtischen Treiben zum landschaftlichen Bild. Die Teerstraße zweigt in einen Schotterweg ab, der ein paar Höhenmeter über der Stadt liegt und einen letzten Panoramablick auf die Metropole gewährt.

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Mitte April sind die Weinfelder noch karg.

Nuits-St.-Georges ist 30 Kilometer entfernt und das Wetter genauso freundlich wie in den letzten Tagen. Marsannay-la-Côte, Gevrey-la-Chambertin, Vosne-Romanée und die vielen anderen kleinen Weinbaugemeinden sind eine willkommene Abwechslung zu den menschenleeren Gegenenden der vergangenen Tagen. Ich befinde mich nun im Weinbaugebiet der Bourgogne, genauer gesagt im Gebiet der Côte de Nuits. Den gesamten Tag führt der Weg durch Weinfelder, die sich weiter erstrecken, als mit den Augen überblickt werden kann.

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Am späten Nachmittag erreiche ich Nuits-St.-Georges. Im Ort steht mir eine gut eingerichtete  Ferienhütte zur Verfügung, deren Innenausstattung mit dem Prädikat „klein, aber fein“ beschrieben werden kann. Sie besteht aus einem Schlafraum mit zwei Betten, einem Tisch, eine Toilette mit Dusche und eine kleine separate Küche. An einem auf der Innenseite des Gartentores befestigten Haken hängt der Schlüssel, der Tür und Tor öffnet. Im Supermarkt hole ich mir den täglichen Bedarf an Lebensmitteln. Wäre ich ein paar Monate später noch einmal hier, so würde mir der Garten gesundes Gemüse und leckere Früchte bieten. Mitte April liegen die Beete noch brach.

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Das Einzige was fehlt: Ein Gesprächspartner.

Nach dem Einkauf lerne ich in der Küche den Umgang mit einem Gasherd. Mit der nötigen Vorsicht gehe ich bei der Handhabung und mit den Streichhölzern um. Im ersten Topf köcheln die Spagetti und im zweiten Topf die Bolognese. Gewürze und andere Utensilien zur Essenszubereitung sind in der Küche vorrätig. Im Vergleich zu einem Baguette gleicht es einem Festmahl. Beim Rucksack packen bemerke ich ein fehlendes T-Shirt. Das ist ärgerlich. Ich muss es in Tarsul vergessen haben. Es ist – nach meiner Mütze – das zweite verlorene Kleidungsstück.

2 Kommentare zu „Tag 19: Dijon – Nuits-St.-Georges

  1. Interessanterweise übernachtete ich letztes Jahr ebenfalls im „Chalet de Pelerins“. Wann warst du in Nuits-St.-Georges? Ich war auf meiner Etappe Ende August 2016 dort. Da ich den Jakobsweg in Etappen laufe, lief ich im Sommer von Waldshut-Tiengen nach Beaune und dann im November für eine Woche nach Cluny weiter. Die kleine Gartenhütte in Nuits-St.-Georges fand ich sehr gemütlich. Dort traf ich auch einen weiteren Pilger aus der Nähe von Paderborn. LG

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    1. Hallo!
      In Nuit-St.-Georges war ich Mitte April. Genauer gesagt am 19.04.16. Mit anderen Pilgern den Abend dort zu verbringen, stelle ich mir in dem idyllischen Garten und in bzw. vor der Gartenhütte sehr idyllisch und beruhigend vor. Weder hatte ich zu dieser Zeit das Glück mit einem Mitpilger, noch war es die richtige Jahreszeit, um die Früchte aus dem Garten kosten zu können. VG

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