Tag 24 Saint-Gengoux-le-National – St. Cecile

Der Morgen beginnt mit der gewohnten Routine. Der Wecker klingelt meist zwischen 06:30 Uhr und 07:15 Uhr. Spätestens 07:30 Uhr stehe ich auf, packe den Rucksack und beginne mit dem Frühstück. Die Pensionsdame erwähnt, das häufige Übernachtungen in Pensionen im Laufe der Zeit ganz schön ins Geld gehen müssten. Wie recht sie hat…

Ein straffer Tagesplan mit 30 Kilometer nach St. Cecile steht heute auf dem Programm. Dieser muss zwangsläufig in Kauf genommen werden, weil es in Cluny schlicht an bezahlbaren Unterkünften mangelt. Sieben Kilometer hinter Cluny liegt der kleine Ort Sainte-Cécile und dort nimmt eine Familie Pilger gegen eine Spende auf. Auf dem Weg sehe ich zum ersten Mal einen Wegweiser nach Taizé. Er ist an einem Strommast befestigt. Nicht wenige Pilger weichen hier bewusst vom Jakobsweg ab, um einige Zeit in der Communaute de Taizé, einer ökumenische Ordensgemeinschaft, zu verweilen. Geprägt ist der Aufenthalt durch ein Austausch von biblischen und spirituellen Themen, Gebeten, Bibeleinführungen und Gesang. Da ich den Weg nach Taizé nicht einschlage, kann ich keine genaueren Informationen geben oder persönliche Erfahrungen teilen.

Die Touristeninfo in Cluny soll es einen Pilgerführer mit Unterkünften bis Le Puy zu kaufen geben und außerdem einen schönen Pilgerstempel zu bieten haben. Blöd nur, dass mir erst kurz vor der Ankunft einfällt, dass heute Sonntag ist. In meinem Buch steht es schwarz auf weiß: Sonntag hat die Touristeninfo geschlossen. Das ist zwar schade, aber was nützt es, sich über Dinge zu ärgern, die nicht zu ändern sind?

Das sonnige Wetter lädt zum Träumen ein und so verträume ich sprichwörtlich einen Abzweig und finde mich auf einer Landstraße wieder, die nicht zur vorgesehenen Route gehört. Der eigentliche Weg verläuft – getrennt durch einen Abhang – parallel zu der Landstraße. In regelmäßigen Intervallen führen schmale, unbefestigte Pfade den Hang hinauf. Ich stehe vor der Wahl, entweder einen dieser recht steilen Pfade zu nutzen oder den flachen Streckenverlauf weiter zu folgen, der einen Umweg von 1 1/2 Kilometern bedeutet. Ich erspare mir die Klettertour. Am Nachmittag zieht sich der Himmel etwas zu, ohne dass die warmen Temperaturen sinken. Zwischen Rapsfeldern und in der grünen Natur fühle ich die Unabhängigkeit und Freiheit des Pilgerns.

20160424_141700
Wie ein Rapsfeld eben aussieht.

In Cluny besichtige ich bei einem kurzen Rundgang den Stadtkern und die Abtei. Die Straßen werden von zahlreichen Touristen bevölkert. Von Weitem sehe ich das längst vertraute Schild mit dem roten „I“ auf einem auf der Ecke stehenden blauen Quadrat: Die Touristeninformation. Und was für eine Überraschung: Menschen betreten und Verlassen das Gebäude. Es ist zwar nicht das erste Mal, dass sich die Informationen aus dem Buch als falsch herausstellen, aber selten war ich glücklicher über eine Fehlinformation. Bei dem schönen Wetter steht mir der Sinn nach einem Eis. Bei einem Preis von 2,50€ für eine Kugel verzichtete ich auf die kalte Süßspeise.

20160424_144946
Cluny

Noch sieben Kilometer bis St. Cecile. Die Autorin meines Pilgerbuches beschreibt den Verlauf als „einfache Strecke mit gelegentlich matschigen Passagen“. Meine Erfahrung ist eine gänzlich andere. Diese sieben Kilometer entwickeln sich nach und nach zu einer großen, schlammigen Tour mit riesigen Pfützen, Geröll und ein über dem Weg fließendes Bächleins. Das Schimpfen auf die Einschätzung der Autorin hält die ganze Strecke bis nach St. Cecile an.

In St. Cecile suche ich das Restaurant l’Embellie. Gegenüber dieser Gastronomie befände sich das Anwesen der Familie, die mir für die kommende Nacht einen Unterschlupf gewährt. Doch weder das Eine, noch das Andere ist zunächst zu finden. Ich muss bis zum Ende des Ortes gehen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist an der Tür eine Pilgermuschel an einer Tür angebracht. Hier bin ich richtig. Das äußere Erscheinungsbild des Hauses bescheinigt ihm einen gewissen Renovierungsbedarf. Die blaue Farbe der großen Holztür blättert an mehreren Stellen ab und die gesamte Fassade könnte mal wieder einen neuen Anstrich gebrauchen. Die Tür wird von einer freundlichen Dame geöffnet. Das Innere des Anwesens zeigt sich in einem komplett anderem Bild und steht im großen Kontrast zur Außenwirkung. Ein großer und gepflegter Garten und der Wohnbereich sind neuwertig und modern ausgestattet. Zumindest ist es mein Eindruck, den ich durch die großen Fenster der Terrasse gewinnen kann. Ich bin in einer kleinen externen Wohneinheit im Garten untergebracht, die bis vor kurzen noch von der Tochter des Ehepaares bewohnt wurde. Ein behaglich eingerichteter Schlaf- und Wohnbereich, eine Kochecke und Bad, dessen Dusche ich sogleich einem Praxistest unterziehe.

20160425_082800
Schick eingerichtete Unterkunft

Mit den Abendstunden kommt der Hunger. Da liegt natürlich nahe, ins Restaurant zu gehen. Und bequem wäre es auch. Das ist laut der Dame des Hauses aber leider nicht möglich. Zwar erfolgt eine Begründung, aber ich verstehe sie nicht ganz. Ich könnte mir auch eine Pizza bestellen. Oder noch besser: Ich könnte mir eine Pizza bestellen LASSEN. Im Sinne einer erfolgreichen Lieferung wäre das die bessere Idee. Doch selbst das Internet scheint auf der Suche nach einer Pizzeria in der Nähe an seine Grenzen zu stoßen. Am Ort verläuft die Nationalstraße N79 entlang und eine Tankstelle gibt es auch. Erstaunlicherweise dringt von der viel befahrenen Straße kein einziges Geräusch in den Ort hinein. Aus dem eingeschränkten Essensangebot der Raststätte fällt meine Wahl auf eine einfache Tütensuppe.

Im Verhältnis zu meiner körperlichen Aktivität in den letzten 3 1/2 Wochen decke ich mit der Menge der Nahrungszufuhr nicht annähernd meinen Energiebedarf ab. Ich befinde mich in einem permanenten Kaloriendefizit. Wann immer mir die nächste Personenwaage zur Verfügung steht, wird es sicher auch an den Zahlen erkennbar sein. Den Abend verbringe ich standardmäßig mit der Nachbereitungen meiner Ausrüstung und dem Beine hochlegen.

2 Kommentare zu „Tag 24 Saint-Gengoux-le-National – St. Cecile

  1. Schön, die bekannten Motive zu sehen, Ich glaube, dass ich in der gleichen kleinen Wohnung in St. Cecile übernachtet habe. Schade, dass du nicht nach Taizé gegangen bist. Für mich war das letztes Jahr eine besondere Erfahrung. LG

    Like

    1. Dieser Abstecher war von Beginn an nicht eingeplant und – so dachte ich – auch nicht passend zu meinem Zeitmanagement. Ein Irrtum, wie sich in den nächsten Wochen herausstellte, denn auf der via Podiensis merkte ich, dass ich zu großzügig mit der Zeit plante. Ich trauere dennoch keiner verpassten Gelegenheit hinterer. Alles ist so gekommen, wie es gekommen ist. Ich hätte auf dem weiteren Weg nicht die tollen Menschen getroffen und kennengelernt, die für die Unvergesslichkeit des Weges beigetragen haben 🙂

      Like

Hinterlasse eine Antwort zu schrittWeise Antwort abbrechen