Tag 27: Propieres – Le Cergne

18 Kilometer bis Le Cerne geben uns keinen Anlass zur übereifrigen Hektik. Die von der Familie gewünschte Ankunft, die uns heute aufnimmt, soll erst ab 16 Uhr erfolgen. Ich hatte lange keinen so ruhigen Morgen mehr, schnüre 09:30 Uhr meine Schuhe und breche auf. Nach 4 Stunden kommen wir in Le Cerne an. Das Wetterlage war weitaus besser als gestern. Ein ortskundiger Mann weißt uns darauf hin, dass es bis zum gesuchten Ortsteil noch 1,5 Kilometer sind. Ich wäre gerne einmal durch die kleine Gemeinde gelaufen, um einen Einkaufsmarkt zu finden. Bruno zieht jedoch eine Pause in einem Café vor. Das ist die Schattenseite, wenn man nicht alleine läuft. Es schränkt in der Entscheidungsfreiheit ein. Bisher musste ich nie Kompromisse eingehen und tat stets die Dinge, die ich für gut und richtig empfand. Ich sehe keinen Sinn darin, in einem Café für Getränke zu zahlen, wenn meine Wasserflasche an meinem Rucksack jederzeit griffbereit ist. Ich setze mich an eine Bushaltestelle, deren Ziegeldach Schutz vor der direkten Sonneneinstrahlung bietet, streife die Schuhe von den Füßen und lehne mich zurück. Mit meinem Taschenmesser entferne ich die Rinde vom Wanderstock. Seit nunmehr 2 1/2 Wochen ist dieser Stock mein treuer Begleiter und ich möchte ihn nicht mehr missen. Mich störte immer etwas die raue und unebene Struktur bei der Handhabung. Das weiche Holz lässt sich erstaunlich einfach behandeln und ohne Rinde fühlt sich das Griffstück gleich viel angenehmer in der Hand an.

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Kurz vor dem Etappenziel

Bruno beendet seine Pause in der Gaststätte und gesellt sich für 1 1/2 weitere Stunden zu mir auf die Bank. Als wir wieder nach dem Haus zu suchen beginnen, hält ein Auto neben uns. Es ist die Frau des Hauses, auf dessen Suche wir uns befinden. Wir nehmen im Auto Platz und sparen uns den letzten Kilometer. Im Haus empfängt uns der Ehemann. Seine rechte Hand ist mit einem dicken Verband umwickelt, weshalb er mir zur Begrüßung die linke Hand reicht. Vor kurzem widerfuhr ihm ein Unfall in seiner Werkstatt. Bei der Arbeit hat er sich einen Finger abgetrennt, der aber zum Glück wieder angenäht werden konnten.

Meinem Pilgerführer mangelt es einmal mehr an Aktualität. In früheren Zeiten schien es tatsächlich keinen festen Preis für die Übernachtung gegeben zu haben. Nun gibt es einen Festpreis von 35€, der absolut gerechtfertigt ist. Der Grund für das Umdenken war auch in diesem Fall wahrscheinlich, die zu gering ausfallenden freiwilligen Zahlungen, durch die die eigentlichen Kosten nicht mehr ausreichend gedeckt werden konnten. Nach der Dusche stelle ich mich auf eine Personenwaage. Meine Vermutung der letzten Wochen werden bestätigt. In Zahlen ausgedrückt sind es 8 Kilogramm Gewichtsverlust in einem Monat.

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Miau

Bis zum Abendessen entspanne ich auf der Couch im Wohnzimmer. Es ist ein Licht durchflutender Raum mit einer riesigen Glasfront, die einen Blick auf die Terrasse und den Garten gewährt. Der Raum besitzt eine unglaublich beruhigende und harmonische Atmosphäre. Überall blühen Blumen in den prächtigsten Farben, neben mir schwimmen ebenso bunte Fische im Aquarium und von weiter hinten plätscherte der Zimmerbrunnen. Auf der Terrasse sonnt sich eine von insgesamt drei Hauskatzen, die sich von Zeit zu Zeit blicken lassen. Mein Magen meldet sich. Ich habe Hunger. Weil in Frankreich tendenziell zu späterer Stunde gegessen wird, muss ich bis 20:30 Uhr warten, bis ich am gedeckten Tisch sitze. Als Vorspeise wird eine südfranzösische Suppe serviert. Im Anschluss Kartoffelsalat, eine Käseplatte und zum Abschluss ein Dessert. Nach einer Stunde verabschiede ich mich vom Tisch und gehe auf das Zimmer.

Ich habe für mich entschieden, Morgen die letzte gemeinsame Etappe mit Bruno zu bestreiten, damit die Kosten für die nächste Gite für uns nicht so hoch ausfallen. Danach werde ich ihm sagen, dass ich den Weg gerne etwas für mich alleine gehen möchte. Während mir dieser Gedanke durch den Kopf geht, fällt mir der Widerspruch zu meinem bisherigen Wunsch auf. Wochenlang sehne ich mich nach anderen Pilgern und als ich jemanden kennenlerne, möchte ich nach zwei Tagen wieder meine Ruhe haben. Bruno ist wirklich nett und höflich und ich kann kein böses Wort über ihn verlieren. Aber sein zerstreuter und unruhiger Charakter beraubt mich meiner Ruhe.

5 Kommentare zu „Tag 27: Propieres – Le Cergne

  1. Hallo David, hast du in Col de Echarmeaux (ca. 3 km nach der Napoleonstatue) oder direkt in Le Cerne übernachtet? Ich war damals in Col de Echarmeaux auch bei einer Familie mit vielen Katzen. Liebe Grüße und einen schönen Abend 🙂

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  2. Deine Fotos aus St. Jean St. Maurice sind toll geworden, sie geben die beeindruckende Idylle des Ortes gut wieder. Eine Frage habe ich zu deiner Seite „Fragestunde“. Du hast dort geschrieben, dass du deine Arbeit aufgegeben hast und losgelaufen bist. Hattest du da schon eine neue Stelle in Aussicht oder hast du darauf vertraut, dass du nach deiner Rückkehr aus Santiago etwas findest? Ich glaube, ich hätte mir zu viele Gedanken gemacht, wenn ich ohne Absicherung lospilgern würde. Liebe Grüße, Dario 🙂

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    1. Nein, ich hatte bei Beginn noch keine neue Arbeitsstelle. Das wäre zusätzlich zu den Vorbereitungen hinsichtlich Vorstellungsgespräche ect. zu Zeitaufwendig und schwer machbar gewesen. Man muss auch bedenken, dass die neue Arbeitsstelle nach dem Umzug etwa 450 Kilometer entfernt liegt. Beunruhigen habe ich mich von diesem Unstand allerdings nicht machen lassen.

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      1. Respekt 🙂 Ich würde auch gerne die Strecke mal an einem Stück laufen, nur alleine für Frankreich und Spanien braucht man mindestens 2 Monate. Vielleicht bietet sich noch eine günstige Gelegenheit. Liebe Grüße

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