Die zweite Nacht in Folge liege ich nachts mehrere Stunden wach im Bett. Maria holt uns nach dem Aufstehen Baguettes beim Bäcker.
26 Kilometer sind es bis Nasbinals. Nachdem Cindy gestern zurückbleiben musste und auch Molly bis zum Abend nicht der Gite in erschien, ziehen wir zu zweit weiter. Hinter Aumont-Aubrac beginnt mit der Aubrac eine karge Hochebene, deren weitreichende Weideflächen das Landschaftsbild dominiert. Außer ein paar wenige Weiler scheinen wir fernab jedweder Bevölkerung zu sein. Die kräftigen Regenschauer der letzten Tage lassen einen ursprünglich kleinen Bach über die Ufer treten und machen den Feldweg unpassierbar. Wir weichen auf die Weideflächen aus, in dem wir unter den aufgespannten Stacheldrahtzaun hindurch kriechen. An einigen Stellen ist er bereits verbogen, sodass wir wohl nicht die ersten Pilger sind, die auf diese Idee kommen. In diesem Umstand finde ich etwas Beruhigung und nimmt mir die Befürchtung, von einem Vieh attackiert zu werden. Ich las, dass ein Aubrac-Bulle schon mal locker bis 1000 Kilogramm auf die Waage bringen kann. Dem hätte ich nur wenig entgegensetzen können.

Auf der Weide nimmt der kleine Bach weiter seinen natürlichen Lauf und war uns mit seiner Breite von etwa zwei Metern abermals im Weg. In bester sportlicher Manier setze ich schon zum gewagten Sprung an, als ich neben mir eine provisorische Brücke aus dicken Ästen, ein paar Holzleisten und zwei Europaletten sehe. Um auf den – wieder trockenen – Feldweg zu kommen, bedarf es nochmal den Gang auf allen Vieren unter dem Stacheldraht hindurch. Ich möchte mich soeben wieder aufrichten und weiterlaufen, als ich gerade noch rechtzeitig direkt vor meinen Augen einen zweiten gespannten Stacheldraht sehe. Das war knapp. Um ein Haar wäre ich einen Kopf kürzer gewesen.

Weiter geht es zwischen den mit Stacheldraht und Steinmauern abgegrenzten Weideflächen hindurch, ehe er in eine schmale geteerte Straße mündet, welche wiederum zu einer Landstraße führt. Einfach weiter geradeaus, vorbei an großen Findlingen, die sich links und rechts auf der Weide positioniert haben. Drei ältere Franzosen laufen mit uns in der gleichen Schrittgeschwindigkeit. Maria kommt mit einem Herren ins Gespräch. Der übliche Smalltalk, wie er in der Regel betrieben wird: Wo man herkommt, wo man gestartet ist, wie weit man gehen will und so weiter. Ich erzähle von meinem Start in Trier im vergangenen Monat. Der Mann beäugt mich eingehend, überlegt kurz und meint: „Aber wir haben uns doch gesehen, oder nicht? Du hast mir davon erzählt.“ Dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich! Es handelt sich um jenen Mann, den ich am dritten Tag am Ufer der Mosel zwischen Perl und Sierck-les-Bains traf und von meinem Vorhaben erzählte! 37 Tage und knapp 900 Kilometer später begegnen wir uns tatsächlich wieder. Vor lauter Überraschung kann ich mir nur ungläubig an den Kopf fassen uns wiederhole: „Nein! Nein, das kann doch nicht wahr sein!“

Das sind diese besonderen und unerwarteten Geschichten, die fast nur der Jakobsweg zustandebringt 😊 Liebe Grüße
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