Tag 44: Golinhac – Conques

Die Frage des Vorabends lautete: Werden alle Kleidungsstücke über Nacht trocknen? Antwort: Leider Nein. Socken, Unterhose und Handtuch sind noch klamm. Bei diesem trüben Wetter macht es auch keinen Sinn, sie zum Trocknen an den Rucksack zu hängen. Stattdessen werden sie separat in einer Plastiktüte im Rucksack verstaut. Die Armbanduhr zeigt 08:15 Uhr, als ich das Haus verlasse.

Maria schnürte sich wieder etwas früher die Wanderschuhe. Die Straße aus Golinhac heraus habe ich ganz für mich. Links und rechts liegt eine in Morgentau getränkte Wiese. In der Ferne zeichnen sich die Silhouetten der vereinzelten Bäume ab, bis der Nebel sie ganz verschluckt. Ich halte kurz, genieße die Stille und koste die Vorzüge des Alleinseins aus. Andere Pilger können inspirierend, ermutigend und unterhaltsam sein. Aber es sind die Stille und Einsamkeit, die es ermöglichen, sich besser auf seinen Weg, anstatt auf andere Menschen zu fokussieren.

96 Pilger können in der Accueil Abbaye Sainte-Foy in Conques Platz finden. Das wird wohl eine ausreichend große Kapazität sein, um sich Gedanken um eine Reservierung machen zu müssen. So denke ich, bis ich eine Gruppe Franzosen begegne, die behaupten, es seien nur noch 12 freie Betten zu vergeben. Prinzipiell wehre ich mich dagegen, mich von dieser unsäglichen Herbergsjagd anstecken zu lassen. Wenn eine Herberge voll belegt ist, dann findet sich ein anderer Schlafplatz. Aber Congues soll ein sehr schönes Dorf und eine Übernachtung wert sein und deshalb gehe ich eiligen Schrittes voran.

Eine Kuh macht muh, viele Kühe machen Mühe.

13:00 Uhr komme ich in Congues an. Das ehemalige Benediktinerkloster dient heutzutage als Pilgerunterkunft und befindet sich direkt hinter der Klosterkirche Sainte-Foy. Die Anmeldung ist unbesetzt und öffnet erst in einer Stunde. Der Franzose Phillip bleibt in der Abbay und hält für mich den Platz frei. So kann ich einen ersten kurzen Rundgang durch Congues machen und eine Stunde später nach erfolgreicher Anmeldung mein Bett beziehen.

Frisch geduscht besichtige ich den Ort ein zweites Mal. Diese kleine französische Gemeinde hat es mir auf den ersten Blick angetan und ich verstehe vollkommen, weshalb die Vereinigung “ Les plus beaux villages de France“ diesen 250-Seelenort in den Kreis der schönsten französischen Dörfer aufnahm. Schöner könnte man es nicht malen. Ein Gesamtkunstwerk dessen alte Gemäuer, eingefasst zwischen grünen Hängen, Zeitzeugen vergangener Jahrhunderte sind. Allerorts spüre ich das historische Erbe, dass diesen Ort umgibt, welcher seit dem 11. Jahrhundert ein wichtiger Haltepunkt für die Pilger darstellt. (https://www.tourisme-conques.fr/de)

Inzwischen hat es zu regnen begonnen. Im Souvenirladen suche ich ohne Erfolg ein kleines Andenken und Geschenk für meine Frau. Der Ort mag klein sein, aber die Preise groß und stehen denen einer Touristenhochburg in nichts nach. Das 0,33er-Bier für 4,40€ lockt mich nicht in die Gastwirtschaft.

Für das Abendbrot finden sich die Pilger in einem Saal der Abtei ein. An jedem der Tische finden bis zu 8 Personen einen Platz. Ein Geistlicher aus der benachbarten Klosterkirche spricht vor dem Essen und natürlich darf das gemeinsame Singen des Pilgerliedes nicht fehlen.

„Tous les matins nous prenons le chemin,
tous les matins nous allons plus loin.
Jour après jour la route nous appelle,
c’est la voix de Compostelle.

Ultreia, Ultreia, et Suseia,
Deus, adjuva nos!
 
Chemin de terre et chemin de foi,
voie millénaire de l’Europe,
la voie lactée de Charlemagne,
c’est le chemin de tous les jacquets.
 
Ultreia, Ultreia, et Suseia,
Deus, adjuva nos!
 
Et tout là-bas au bout du continent,
messire Jacques nous attend,
depuis toujours son sourire fixe,
le soleil qui meurt au Finistère.
 
Ultreia, Ultreia, et Suseia,
Deus, adjuva nos! „

Danach kommt der Geistliche zu Maria und mir und fragt, ob wir bei der Abendmesse ein paar Worte auf Deutsch vortragen würden. Da lasse ich Maria gerne den Vortritt. Meine Bedenken sind einfach zu groß, beim Auftritt etwas zu vermasseln. Dann ist es Zeit zum Essen. In einer großen Schüssel wird die warme Mahlzeit in die Tischmitte gestellt. Das „Essen aus einem Topf“ ist auf dem Jakobsweg zwar gebräuchlich, aber anfreunden kann ich mich damit nicht. Wegen meines guten Appetits herrscht bei mir die Angst, zu viel für mich in Anspruch nehmen zu wollen. Wieviel kann ich auf mein Teller legen, damit auch die Anderen noch genügend haben? Ist ein Nachschlag okay oder wird es als gierig und wenig rücksichtsvoll empfunden? Ich mag das nicht.

Die Pilgermesse am Abend ist eine religiöse Faszination. Die Geistlichen stimmen einen gregorianischen Choral an, der durch die Kirche hallt und mir einen akustischen Gänsehautmoment beschert. Mir kommen die Tränen. Es ist die Atmosphäre, fernab von alle dem, was einem im Alltag sonst begegnet, die emotional berühren. Inhaltlich verstehe ich von der Messe wie gewöhnlich nur sehr wenig. Doch der Ordensbruder besitzt eine derart positive Ausstrahlung und Energie, dass er mich auch ohne das genaue Verstehen einfängt.

Nach der Pilgermesse erlebe ich Conques in Dunkelheit. Das Dorf besitzt etwas magisches, was nur schwer mit der Kamera einzufangen ist.

2 Kommentare zu „Tag 44: Golinhac – Conques

  1. Hallo David, Conques hat einen besonderen Charme, ich habe den Aufenthalt genossen. Ich habe mich, wie an einer anderen Stelle geschrieben, gegen ein Abendessen in der Abtei entschieden, weil ich Zeit mit Pilgern verbringen wollte, die nicht in der Pilgerherberge der Abtei übernachtet hatten. Ich bin auf deine weiteren Etappen gespannt 🙂 LG, Dario

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