Tag 45: Conques – Livinhac-le-Haut

Vincent reservierte für Linda, mich und ihn gestern in Livinhac-le-Haut drei Plätze in der Gite. Nach dem Frühstück geht es in die Pilgermesse und eine weitere Postkarte wird nach Hause geschickt. Ich freue mich auf den Augenblick, an dem ich alle Postkarten gebündelt in den Händen halten werde und die Erinnerungen an die Momente abrufen kann. Es ist schwer zu schätzen, wieviele Postkarten bis jetzt schon ihren Weg nach Hause fanden.

Direkt hinter dem Dorf kommt es an einem schmalen Pfad, der durch den Regen der vergangenen Tage aufgeweicht wurde, zu einem steilen Anstieg. Der Weg ist nicht breiter als 2 Meter. Der Blick zur Seite gewährt eine Aussicht in die Tiefe. Ein Königreich für ein Geländer. Die körperliche Aktivität mündet darin, unter einen umgestürzten Baum zu krabbeln, der quer über den Pfad liegt. Zum erstem Mal hätte mich ein Aufstieg beinahe in die Knie gezwungen. Nach 20 Minuten stehe ich mit hochrotem Kopf und außer Atem auf einem Plateau mit weitreichender Aussicht. Direkt vor mir laufen drei Frauen, die das komplette Gegenbild zu meiner Person darstellen. Sich entspannt unterhaltend und fröhlich gelaunt knipsen sie mit ihren Kameras ein Foto nach dem anderem. Sollte ich mir Gedanken um meinen Fitnesszustand machen?

Normalerweise höre ich die Musik aus den Kopfhörenr nur bei eintönigen Strecken. Meine Tracklist zählt ohnehin nur fünf Songs:

  • Hannes Wader – Heute hier, Morgen dort
  • 2 Soundtracks „Dein Weg“ – Daniel / Santiago de Compostela
  • Christina Stürmer – Was wirklich bleibt
  • Anna Naklab feat. Alle Farben & YOUNOTUS – Supergirl

Über Hannes Wader muss nicht viele Worte verloren werden. Es ist DAS Lied, was mir als Pilger aus der Seele spricht. Es ist DAS Lied, welches für mich die Gefühle und Gedanken des Pilgern am Besten beschreibt.

Der Film „Dein Weg“ kam 2012 in die Kinos. Schon im Vorspann heulte ich Rotz und Wasser. Am Ende erreichen die Protagonisten die Kathedrale von Santiago und als musikalische Untermalung wird eben dieses Lied „Santiago de Compostela“ eingespielt. Es ist für mich der emotionalste Titel im Bezug auf meinen Jakobsweg. Deshalb möchte ich bei der Ankunft in Santiago die Kopfhörer in die Ohren stecken und ganz alleine mit mir, meinem Weg und diesem Lied ein. Mein persönliches Happy End. Wie es Christina Stürmer und Anna Naklab auf die Liste geschafft haben, weiß ich gar nicht mehr. Aber ich höre mir auch diese zwei Lieder unterwegs gerne an.

Eine Abkürzung über mehrere kleine Orte erspart mir den An- und Abstieg bei Decazville. Eine ruhige und anschauliche Umgebung, in der sich Einfamilienhäuser mit Vorgärten aneinander reihen, aber kaum ein Mensch auf der Straße zu sehen ist. Ein gut gefülltes Portemonnaie ist sicher unabdingbar, um sich hier eine Bleibe leisten zu können. Ein Grundstück verfügt sogar über einen kleinen Hubschrauberlandeplatz. Maria und ich wählen unterschiedliche Wege und kommen trotzdem zeitgleich in Livinhoc-le-haut an. In der Gite treffe ich Philippe aus Conques wieder. Im Vorgarten warten wir auf die Herbergsmutter, deren Anmeldung sich in einem winzigen Bungalow neben dem Haus im Garten befindet. Über eine Außentreppe gelangt man in die Schlafräume. Rucksäcke, Schuhe und andere Sachen müssen draußen abgestellt bleiben. Nur das Notwendigste darf in einem Plastikbehälter auf die Zimmer genommen werden. Die Maßnahmen zur Vermeidung von Bettwanzen in den Unterkünften werden nun immer häufiger ein Thema sein. Nachdem das Zimmer bezogen wurde, besuche ich das kleine Lebensmittelgeschäft nebenan. Wurst, Camembert, Reiswaffeln und Kekse – das Übliche eben. Ich bin froh, dass ich beim Händler sämtliches Kleingeld umtauschen kann. Mein Portemonnaie ist damit prall gefüllt und dem Händler mangelt es dahingehend in der Kasse. 1,30€ in 1 Cent, 2 Cent und 5 Cent Münzen wechseln den Besitzer.

Heute ist „Dimanche“. Schade

Auf eine ausgiebige Ortsbegehung habe ich heute keine Lust. Ich sehe einen aufgestellten Banner „Herzlich willkommen Pilger Geöffnet 17 bis 19 Uhr. Außer Sonntag.“ Das ist wahrscheinlich eine Begegnungsstätte und ich hätte sie gerne besucht. Ich bin am einzigen Tag zugegen, an dem sie geschlossen hat. Bis 21:30 Uhr sitzen wir zusammen im Gemeinschaftsraum. Bei der Planung meiner Etappen stelle ich fest, dass ich Santiago etwa zwei Wochen früher als geplant erreichen werde.

4 Kommentare zu „Tag 45: Conques – Livinhac-le-Haut

    1. Wenn ich im Laufe des Tages an einem Laden mit Postkarten vorbeigekommen bin, habe ich auch welche gekauft und abgeschickt. Wenn es insbesondere in manchen französischen Gegenden nicht möglich war oder die Geschäfte geschlossen hatten, dann war das kein Beinbruch. Insgesamt fanden 35 Postkarten den Weg nach Hause. Das macht im Schnittt etwa alle 3 Tage eine Postkarte.

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      1. Ich hatte ein paar Ideen, wie ich sie gut zur Geltung lassen kommen kann. Bis jetzt stehen sie allerdings nur gestapalt in der Anbauwand.

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