Tag 56: Condom – Eauze

Ich bin schon fast außerhalb der Sichtweite der Gite, da öffnet Anne-Charlotte in der oberen Etage ein Fenster und winkt mit meiner Mütze. Um ein Haar hätte sie sich in die immer länger werdende Liste der verlorenen und vergessenen Kleidungsstücke eingetragen. Am Ortsausgang treffe ich einml mehr auf Fabien. In der Kategorie „Zufällige Begegnungen“ liegt er unangefochten an der Spitze. Das Wetter ist unbeständig und feucht-warm. Das erschwert die passende Kleidungswahl. Ich habe die Wahl zwischen dem schnellen Schwitzen unter der Jacke oder dem wiederkehrenden Regenschauern im T-Shirt.

In Montréal (nicht zu verwechseln mit der kanadischen Stadt Montreal) setze ich mich gegenüber der Touristeninformation auf eine der Bänke am Marktplatz. Frühstückspause. Die Resteverwertung vom Abendbrot ist zwar etwas notdürftig, aber wird einem hungrigen Weiterlaufen trotzdem vorgezogen. An einer Trinkwasserstelle befülle ich die Wasserflasche. Zur Mittagspause entscheide ich mich für ein kleines Bistro und befülle meine Flasche ein weiteres mal. Ein Fruchtsaft für 2,50€ und ein Schokoriegel kostet1,50€. „Ganz schön teuer“, denke ich mir und belasse es bei Wasser. Auf einem runden Steintisch sind die Himmelsrichtungen mitsamt der Entfernungsangabe bekannter Städte eingezeichnet. Unter anderem ist Berlin aufgelistet. Da sich meine Frau momentan in Berlin aufhält, sende ich ihr ein Foto vom Tisch. Die Distanz beträgt 1800 Kilometer.

Zwei Kilometer vor Eauze spaziert vor mir eine mit Tagesrucksäcken ausgestattete Wandergruppe durch den Wald. Vermutlich sind das genau diese Art von Pilger, die den von mir verächtlich angesehenen Transportservice nutzen. In Eauze versucht Etienne auf der Straße Schabernack mit mir zu treiben. Von hinten schleicht er an mich heran. Blöd für ihn, dass sein Vorhaben nicht klappt. Bevor er mich erschrecken kann, zeichnet sich seine Spiegelung im Schaufenster ab. Er hatte schon in der Gite eingecheckt und begleitet mich für die Anmeldung in die Touristeninfo und anschließend in die Gite, die sich direkt nebenan befindet. Ein mehrstöckiges Gebäude mit einem interessanten Charme. Eine einfache Unterkunft, die viele Gelegenheiten bietet, mit anderen Pilgern in Verbindung zu kommen. Die Küche mit dem großem Esstisch lädt förmlich dazu ein.

Geduld ist beim Warten für die Badnutzung gefragt. Zwei Duschen stehen für 15 Personen zur Verfügung. Danach geht es wieder in die Stadt. Die Touuristeninformation reicht mir einen Flyer, mit dessen Hilfe ich den erhofften Outdoorladen finde. Auf der Einkaufsliste stehen neue Unterhosen. Am besten aus Merinowolle. Der Stoff besitzt durch das schnelle Trocknen und Geruchsneutralität praktische Eingenschaften, die von unschätzbaren Wert sind. Auf der anderen Seite ist Merinowolle mitunter nicht sehr strapazierfähig und langlebig. Eine Mütze mit Nackenschutz ist zwar nützlich, aber mit 26€ zu preisintensiv. Deshalb entscheide ich mich dagegen.

2 Kommentare zu „Tag 56: Condom – Eauze

  1. Hallo David,

    schön wieder über deine Pilgerreise lesen zu können. Ja, der Verlust von Kleidungsstücken auf dem Camino ist ein Klassiker, so geht es den meisten Pilger:innen. Ich will gar nicht zusammenrechnen, was ich alles vergessen habe. Aber zumindest freuen sich dann die nachfolgenden Pilger darüber, wenn die Gegenstände denn gefunden werden.

    In der Gegend habe ich in einem kleinen Ort namens Peyret übernachtet, einige Kilometer nach Eauze. Damals war Euaze festlich geschmückt., vermutlich fand an jenem Tag oder in der Woche ein Fest statt.

    Ich wünsche dir einen schönen Sonntag.

    Liebe Grüße,
    Dario

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    1. Vielen Dank!

      Ich weiß nicht, wie oft ich schon gesagt habe, dass ich mein Tagebuch regelmäßiger einpflegen werde. Es kommt nach wie vor zu kurz. Aber auf Instagram lade ich alle paar Tage nachträglich ein paar Fotos hoch. Dort bin ich – Stand heute – weiter als im Blog. 😄

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